Ich bin mit meiner quicklebendigen Konfirmanden-Gruppe auf dem Konfi-Camp. Kaum sind die einen leise, beginnt es woanders zu tuscheln, werden Bonbons ausgepackt oder aufgeregt Neuigkeiten ausgetauscht. In einer Ecke entwickelt sich auch ein Streit, bei dem ich nicht ganz sicher bin, wie ernst er gemeint ist. Wenn ich heute hier etwas zum Thema „Segen“ erarbeiten will, muss zumindest der Streit geschlichtet und so viel Ruhe eingekehrt sein, dass ich mein eigenes Wort verstehe. „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Segen und Beten?“, höre ich es flüstern – zwar passend zum Thema, aber leider nur zum Nachbarn.
„Störungen haben Vorrang“, ist ein pädagogischer Grundsatz. Das scheint Jesus in den ausgewählten Versen aus dem Matthäusevangelium erst einmal nicht zu interessieren. Er ignoriert die kanaanäische Frau, vielleicht mit der leisen Hoffnung, sie möge schnell wieder verschwinden. Das tut sie aber nicht. Sie bleibt und schreit weiter nach Hilfe, auch gegen den Appell der Jünger, die Jesus sagen, er solle die störende Frau wegschicken. Störungen können wirklich lästig sein. Aber sind sie nur das? Manchmal können Störungen auch anders: Dann reißen sie uns heraus aus dem, was selbstverständlich erscheint, und schenken uns eine neue Sicht. Haben zum Beispiel die „Fridays for Future“-Demonstrationen nur den Schulalltag gestört? Spürten wir in diesem heißen und trockenen Sommer nicht immer mehr, wie wichtig es ist, auf Klimagerechtigkeit aufmerksam zu machen?
Stimmen, die sich für Gerechtigkeit aussprechen, die Friedensfragen in die Gesellschaft tragen, stören oft. Sie hinterfragen Gewohnheiten und Sicherheiten – sie fordern heraus. Auch die Menschen der Reformation haben gestört, wollten nicht hinnehmen, dass alles einfach so weitergeht. Nicht alle Störungen haben uns etwas zu sagen, aber vielleicht lohnt es sich, sie nicht gleich als lästig abzutun. Wo ist das vielleicht auch in unserer Kirche oder Kirchengemeinde so? Wo stören Menschen, die Dinge hinterfragen, die schon immer so waren, und neue Ideen einbringen, die vielleicht Veränderungsarbeit kosten? Und wo stören mich Menschen in meinem privaten Umfeld, die mich mit ihrer Art zu leben herausfordern?
Unsere Verse kann man in Beziehung setzen zum Taufbefehl aus Matthäus 28. Dort sagt Jesus: „Machet zu Jüngern alle Völker!“ Im Matthäusevangelium hat die kanaanäische Frau den Anfang für diese „Heidenmission“, wie sie oft genannt wurde, gesetzt. Eine mutige Frau, die stört und von ihrem Glauben an Jesus etwas erwartet. Störungen können also durchaus guttun und etwas verändern. Ich stelle mir vor, dass Jesus das tief in sich schon längst gespürt hat.
Ich versuche noch einmal, mit meiner Konfi-Gruppe ins Gespräch zu kommen. Schon wieder lässt sich Flüstern vernehmen. Doch bevor ich eingreife, höre ich genauer hin und da dringt an mein Ohr, wie es eine Konfirmandin genau auf den Punkt bringt: „Ah, Gebet geht also zu Gott und Segen kommt von Gott!“ Möge Gott uns auch in der neuen Woche immer wieder solch segensreiche Störungen schicken.