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Impuls

Flucht vor sich selbst

Impuls für den 22. Sonntag nach Trinitatis: Römer 7,14-25 Von Iris Carina Kettinger

Römer 7,14-25

Ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Auf dem Foto ist Ines Carina Kettinger zu sehen. Sie hat kurze Haare, trägt eine Brille und lächelt in die Kamera.
privat
Iris Carina Kettinger ist Klinikpfarrerin in Heidenheim.

Ich – so haben wir es im Elternhaus und in der Schule gelernt – soll nie am Anfang stehen: nicht am Anfang eines Briefs, nicht am Anfang einer Vorstellung. Ich soll sowieso nicht am Anfang stehen. Was am Anfang steht, wird großgeschrieben. Ich soll aber nicht groß-geschrieben werden, nicht auf einer Mitteilung und erst recht nicht im Leben.

Der Apostel Paulus weicht im 7. Kapitel des Römerbriefs von dieser Regel der Höflichkeit ab. Er spricht vom Ich. Nicht nur von seinem Ich, sondern von unser aller Ich. Paulus fasst die Erkenntnis in Worte, dass das menschliche Ich sich selbst nicht mehr erträgt. Weil es sich nicht mehr auf sich selbst verlassen kann. „Was ich will an Gutem, das tue ich nicht; aber was ich keineswegs will, das tue ich. Obwohl mir schon klar ist, dass es das Schlechte ist.“ Das menschliche Ich scheitert an seinen guten Vorsätzen und moralischen Ansprüchen in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.

Nicht die anderen sind es, sondern ich bin es selbst, der das Vertrauen zu mir selbst zerstört, weiß Paulus. Und er meint: Meine Sünde ist es. Ein Sünder ist folglich ein Mensch, der sich selbst kaputt macht. Kein Wunder, dass ein solcher Mensch auf der Flucht ist, weil er es bei sich selbst nicht aushält. Das Ich möchte sich am liebsten verlassen. Doch auch das schafft es nicht: Es will zwar weg von sich selbst und all den nicht gelungenen Geschichten seines Lebens. Doch was ich nicht will, das tue ich: Ich komme immer wieder auf mich selbst zurück, begehe immer wieder dieselben Fehler im Umgang mit Menschen und Herausforderungen. Das Ich steht sich selbst im Weg. Es ist sein eigener Gefangener. Dabei will es zu einem anderen, zu anderen Menschen und vielleicht sogar zu Gott. Aber das schafft es nicht. Es behindert sich selbst und bricht darum in einen Schrei aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib?“ Vielleicht kennen wir diesen verzweifelten Schrei nicht aus eigener Erfahrung. „Du elender Mensch!“ kommt uns gewöhnlich leichter über die Lippen. Aber Schuldzuweisung ist ja auch nur eine Ablenkung vor dem Erschrecken über das eigene Ich.

Paulus lässt uns teilhaben an seinem Erschrecken über sein Ich und an seiner Frage nach einem Gegenüber, das es erlösen kann aus allem Zwiespalt von gutem Willen und Scheitern. Paulus verrät mit dem unvermittelt folgenden Stoßseufzer, dass das schreiende Ich nicht allein ist: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn.“ Gott also hört bereits, wenn Paulus die Geschichte unseres Ich erzählt. Er erzählt sie geradewegs in Gottes Ohr. Menschen können sich nicht von sich selbst und ihrer Schuld befreien. Je mehr sie vor sich und ihrer Lebensgeschichte davonlaufen, umso verzweifelter wird der Kampf. Aber es gibt ein Du, das hört und einen weiten Raum der Freiheit schenkt, in dem die Bedrohung aufhört. Da ist eine Instanz, bei der alle Flucht vor sich selbst und manch schambehafteter Erfahrung ein Ende findet. Da ist ein gnädiger Gott, zu dem wir immer fliehen können. Bei ihm kommt unser überfordertes Ich von sich selbst los und zur Ruhe.

Gebet

Gott, wir scheitern oft an unserem Anspruch an uns selbst. Unser Versagen steht uns vor Augen und belastet uns. Du aber kommst uns barmherzig entgegen und richtest uns auf. Du erlöst uns von uns selbst und schenkst uns Ruhe und Frieden. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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