Als Tochter einer Italienerin, die 1960 ohne ein Wort Deutsch zu sprechen einem ehemaligen deutschen Soldaten in ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Land (auch noch ins Schwabenland!) folgte, spricht mich der obige Predigttext besonders an. Von zahlreichen Be-richten anderer „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“, wie man damals wenig wertschätzend sagte, weiß ich, dass so manche der Immigranten immer einen gepackten Koffer hinter der Schlafzimmertüre stehen hatten. Viele ließen sich auf die fremde Kultur und Bräuche ein (meine Mutter backte irgendwann Käsekuchen und kochte Sauerkraut), ohne die eigentliche Heimat zu vergessen, und hielten den oftmals idealisierten Sehnsuchtsort in ihren Herzen wach. Der gepackte Koffer hinter der Tür wurde zum Symbol eines „Zwischenzustandes“ zwischen Ankommen und ersehnter Rückkehr in die Heimat.
Von dieser Spannung lebt auch unser Predigttext, der als seelsorglicher Brief an die im 7. Jahrhundert vor Christus aus Judäa nach Baylon Verbannten zu verstehen ist. Der Prophet Jeremia rät den Verschleppten und ihren Nachkommen, in der Fremde Heimat zu finden, Häuser zu bauen und sich zu vermehren, um so den Fortbestand des Volkes Israel zu sichern. Der zeitlebens verfolgte Prophet wagt sich damit weit „aus dem Fenster“ der Assimilation und Anpassung, vor allem, wenn für die einstigen Eroberer sogar gebetet werden soll. Kein innerer Groll soll die Wurzeln der neuen, zarten Pflanze „Hoffnung“ vergiften. „Suchet der Stadt Bestes“: Auch für uns Christen gilt der Aufruf, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen, politische Missstände beim Namen zu nennen, sich zu engagieren, wenn Menschen anderer Ethnien und Religionen im „Haus Europa“ -Zuflucht suchen.
Im Lauf eines Lebens kann man durchaus verschiedene „Heimaten“ finden, nämlich überall dort, wo man „sich nicht erklären muss“, wie Johann Gottfried Herder es formulierte. Auch ein christlicher Gottesdienst kann zur Heimat werden: Gottes Wort der Hoffnung und der Liebe als Zentrum verbindet uns in all unserer Verschiedenheit und Andersartigkeit. Schön, wenn unsere Gottesdienste auch für „Außenstehende“ einladend wirken und bis in den Alltag hinein eine Strahlkraft haben. Die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes hat ganz konkrete Folgen für unser Miteinander: Aus Fremden werden Geschwister, weil wir alle hier auf Erden letztlich „auf der Durchreise“ sind zur himmlischen Heimat.
Vor ein paar Wochen sind wir aus dem Urlaub zurückgekehrt. Beim Auspacken des Koffers habe ich das ein oder andere Mitbringsel in die Hand genommen. Ich bin dankbar, dass ich ein Zuhause habe und nicht „aus dem Koffer“ leben muss. Und ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie damals so mutig war, allen anfänglichen Widrigkeiten zum Trotz der Liebe wegen geblieben ist und mich gelehrt hat, in jedem Menschen eine Schwester, einen Bruder zu sehen.