Als Kind bekam ich einmal ein Siegelstempel geschenkt. Ich weiß nicht mehr von wem. Ich weiß nur noch, wie begeistert ich davon war. Jetzt konnte ich alles siegeln. Was kam ich mir wichtig vor! Eigentlich war es nur ein einfacher Stempel aus Messing mit einem großen „A“ – nicht besonders spezifisch. Für mich war das aber völlig ausreichend, für ein richtiges Siegel natürlich nicht.
Denn Siegel haben ja die Funktion, einen Gegenstand oder ein Dokument eindeutig einer Autorität wie einer Behörde (oder früher einem Herrscher) zuzuordnen, die für die Richtigkeit des Dokuments bürgt, selbst wenn sie selbst nicht anwesend ist. Die Notwendigkeit für eine solche Autorisierung gab es vermutlich schon so lange wie es menschliche Staaten gibt. Die ältesten Siegel, die bisher gefunden wurden, sind über 5.000 Jahre alt. Damals begannen Herrscher in Mesopotamien Gegenstände, manchmal aber auch Nachrichten mit ihren Rollsiegeln zu versehen. Nur so konnte sichergestellt werden, dass eine Nachricht wirklich dem Willen des Königs entsprach und nicht einfach der Fantasie irgendeines Schreibers entsprungen war. Eine gesiegelte Nachricht ersetzte so die Anwesenheit des Herrschers auch in weit entfernten Gegenden, seine Stimme war aus ihr zu hören.
Vor diesem Hintergrund ist auch der Satz aus dem Epheserbrief zu verstehen, dass wir im Heiligen Geist „gesiegelt“ sind. Gottes Siegel ist uns aufgedrückt. Das hat eine bergende, aber auch eine fordernde Seite. Denn zum einen heißt es, dass wir ganz zu Gott gehören. Wir sind sein Eigentum, sind mit ihm verbunden und das kann uns niemand nehmen. Das ist die bergende Seite. Die fordernde Seite ist die, dass wir quasi Gottes Brief in seiner Welt sind. Das bedeutet, dass die Welt (zumindest auch) an unserem Verhalten und unserem Tun Gott und seinen Willen erkennen können soll. In einer Welt, in der Gott nicht unmittelbar sichtbar anwesend ist, sind es die an ihn glaubenden Menschen, seine „Siegelträger“, die in ihrem Reden und Tun in seinem Namen aktiv sind. Auszeichnung und (Über-)Forderung zugleich.
Aber das ist der Hintergrund für die verschiedenen Anweisungen, wie der Epheserbrief sie unter anderem im 4. Kapitel nennt. Sie berühren ganz vielfältige Bereiche. In allen geht es aber letztlich darum, Gottes Menschenfreundlichkeit nachzuahmen (vgl. Epheser 5,1). Für mich stechen dabei die Anweisungen zur gottgefälligen Rede besonders hervor, zum einen da das so typisch für die jüdisch-christliche Tradition ist, die ein besonderes Bewusstsein für die Macht des Wortes hat. Zum anderen empfinde ich sie gerade in unserer Zeit, in der Lügen immer wieder ganz gezielt so oft wiederholt werden, bis man sie nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden kann, unglaublich wichtig und aktuell. Diese Forderung an mich selbst möchte ich gerne annehmen, als jemand, dem das Siegel Gottes eingeprägt ist, nämlich zu versuchen, Gottes Willen in der Welt ahnbar zu machen, indem wir das reden, „was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.“