„Ich bin zu der Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“ – Worte eines Papstes, die zunächst viele überrascht hatten. Ein Papst, der Schwäche eingesteht. 2013 hat Papst Benedikt XVI. sein Amt abgegeben.
Ein Amt kann zur Last werden, eine Aufgabe kann Menschen nicht erst im Alter überfordern. Wir alle kennen Beispiele dafür, dass wir mit unseren Kräften am Ende sind und nicht weiterwissen. Verantwortlich Leitende in Kirche und Gesellschaft spüren in all den anstehenden Reformen die Last der Aufgabe, besonders dann, wenn auch unbequeme Entscheidungen zu treffen sind oder sie gar wegen ihrer Meinung angefeindet werden.
Dem Propheten Jeremia war sein Prophetenamt zur Last geworden. Er zweifelt an seinem Auftrag und hadert mit Gott. „Sooft ich rede, muss ich schreien ,Frevel und Gewalt!‘“, klagt der Prophet. Frevel und Gewalt sieht Jeremia im Königshaus der Israeliten; er klagt an, dass die Armen nicht zu ihrem Recht kommen. Er beschuldigt die Verantwortlichen, dass sie nicht Recht und Gerechtigkeit üben. Seine Kritik an den ungerechten Verhältnissen führt dazu, dass die Menschen ihm nachstellen, ihn misshandeln und ihm nach dem Leben trachten. Das Prophetenamt wird zur Last. Jeremia zweifelt an seiner Berufung und seinem Auftrag.
Sein Glaube kommt in eine Krise – Gott wird ihm fremd: „Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen.“ In einem inneren Monolog ringt der Prophet mit Gott. Anfechtung und Zweifel kommen zur Sprache. Das finde ich beeindruckend und tröstlich. Denn auch wir kennen in unserem Leben Phasen, in denen uns Gott fern scheint – aufgrund persönlicher Schicksalsschläge oder Lebenskrisen. Da tut es gut, sich selbst dies einzugestehen, es mit andern zu teilen – es Gott zu klagen.
Jeremia hat das Amt des Propheten weiterhin ausgeübt, weil er sich allen Widerständen zum Trotz gehalten und getragen wusste von dem Auftrag, für Gottes Güte und Gerechtigkeit einzutreten. So keimt inmitten der Klage, inmitten aller Bedrängnisse die Hoffnung auf. Sie bricht sich Bahn in einem großen „aber“: „Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held.“ Dies gibt ihm die Kraft, weiterhin – um Gottes und der Gerechtigkeit willen – auch unbequeme Wahrheiten zu verkündigen. Den Menschen nicht nach dem Mund zu reden, wie es die Kultpropheten seiner Zeit taten, sondern Gottes Wort weiterzusagen.
Diese Haltung macht Mut. Als Christen und als Kirche haben wir auch heute einen prophetischen Auftrag. Das Wort von Gottes Güte und Gerechtigkeit gilt es im Alltag unserer Welt mit Worten und Taten zu bezeugen. In diesen Tagen kann das auch bedeuten, dass wir dem Extremismus entgegentreten und für Menschenwürde, Nächstenliebe und die Bewahrung der Schöpfung eintreten.