„Das Leben ist nicht fair.“ Wie Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Der Weg“ kommt auch Kohelet, der Lehrer der Weisheit, zum Schluss, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht. Da lebt eine absolut selbstlos und gesund und kommt in jungen Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Ein anderer dagegen schlägt schamlos über die Stränge und ist mit 90 Jahren noch quietschfidel.
Vom Weisheitslehrer, der meist mit König Salomo identifiziert wird, würden wir trotzdem erwarten, dass er sich klar auf die Seite der Moral und eines frommen Lebens stellt. Stattdessen äußert er sich hier so, dass man sich fragt: „Meint er das jetzt im Ernst so?“ Nein, er meint’s nicht bierernst. Meinem Eindruck nach sitzt ihm der Schalk im Nacken: Altersweisheit mit Augenzwinkern.
Er rät uns, es nicht zu übertreiben – weder mit der Gerechtigkeit noch mit der Bosheit. Vielleicht hat er recht und man sollte aufpassen, in Sachen Moral, Gerechtigkeit und Glauben den Bogen nicht zu überspannen? Es wäre dann, wie wenn man eine Schraube überdreht: Entweder geht das Gewinde kaputt, oder man dreht der Schraube den Kopf ab. Was gut gemeint war, würde am Ende Schaden anrichten.
Auf der anderen Seite sollen wir nicht gottlos und ohne moralischen Kompass drauflosleben. Ein Ausleger nennt es „kühne Ironie“, wie Kohelet mit den Begriffen Gerechtigkeit und Bosheit spielt, als gelte es, sie mit beiden Händen auszubalancieren und so den goldenen Mittelweg zu finden.
Liegt nicht darin die Hauptgefahr, dass wir alle Tage um uns selbst kreisen, uns selbst den Puls fühlen, ob wir wohl fromm und gerecht und hoffentlich nicht zu gottlos und böse unterwegs sind? Ich muss bei dieser Frage an Papst Johannes XXIII. denken, dem im Traum ein Engel erschienen sein soll, der zu ihm sagte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“
Der Prediger Salomo rät uns, wegzuschauen von uns und aufzuschauen auf Gott. Ihn, unseren Gott, sollen wir fürchten und ehren und lieben und uns an seinen Weisungen orientieren. An Gott sollen wir uns hängen an guten und an bösen Tagen. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Der letzte Satz des Predigttextes lässt sich auch so übersetzen: „Wer Gott fürchtet, der kommt mit allem beiden zurecht“ – also mit Freud und Leid. Ob mein Gottvertrauen so stark ist, dass es nicht nur an Sonnentagen, sondern auch in schwerem Wetter trägt? Ob ich – vielleicht erst nach vielen Tränen und nach langer Zeit, wenn die Wunden vernarbt sind – mit Paulus sagen kann: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen?“ Gott schenke uns, dass wir alles aus seiner Hand annehmen können – es sei „Liebes oder Leides“, wie es Eduard Mörike in seinem Gedicht „Gebet“ ausdrückt. John F. Kennedy soll einmal gesagt haben: „Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten.“ □