Als Grundlage der meisten Regeln und Gesetze in unserer demokratischen Gesellschaft dienen bis heute die Zehn Gebote. Diese Regeln schützen Menschen. Sie ermöglichen ein verlässlicheres Leben. Sie tragen elementare persönliche Rechte in die Gesellschaft ein. So sind sie auch gemeint: als Gottes lebensdienliche Prinzipien.
Nun gibt es sowohl in staatlichen als auch in religiösen Bereichen unseres Lebens Ordnungsfanatiker und Ordnungsverweigerer. Die einen rufen nach immer schärferen Gesetzen: Lieferkettengesetz, Gebäudeenergiegesetz, Rückführungsverbesserungsgesetz und noch viel mehr. Die anderen missachten grundlegende Regeln, weil sie mit bestimmten Verhältnissen nicht einverstanden sind, blockieren den Verkehr auf Straßen und Flughäfen, kleben sich auf den Asphalt, ketten sich an Bäume, hausen in deren Baumkronen.
Ordnungsfanatiker und Ordnungsverweigerer sind grundverschiedene Typen. Aber eines verbindet beide: Sie sind nicht frei. Sie handeln als Getriebene. Paulus beschreibt im Galaterbrief einen dritten Weg: In Antiochia gerät Paulus mitten hinein in den Konflikt zwischen den Ordnungsfanatikern und Ordnungsverweigerern seiner Zeit. Die einen kommen aus der jüdischen Tradition, halten sich streng an die überlieferten Alltagsordnungen und Speisevorschriften, die anderen kennen diese religiösen Gesetze gar nicht.
Petrus als frommer „Judenchrist“ nimmt zunächst unbekümmert am Leben der sogenannten frisch missionierten „Heidenchristen“ teil, die sich in strengen jüdischen Gesetzen nicht auskennen und sie nicht einhalten. Es wird dort zum Beispiel nicht koscher gegessen.
Petrus bekommt Skrupel. Ihm geht das zu weit, sich mit den nichtjüdischen Christen an einen Tisch zu setzen. Er bekommt Angst vor seiner eigenen Courage, hält die Freiheit christlichen Glaubens nicht durch und baut wieder Mauern auf zwischen den verschiedenen Gruppen der jungen Christenheit. Mauern, die der Glaube an Christus doch längst einreißen sollte.
Paulus stellt ihn öffentlich zur Rede und erteilt ihm eine Lektion in Sachen Christsein. Denn Christsein heißt nicht, Menschen einzuteilen in gute, die die strengen religiösen Normen und Gesetze befolgen, und schlechte, die mit überkommenen Normen etwas freier umgehen. Christsein bedeutet, der Gnade Gottes vertrauen und daran glauben, dass mit Jesu Kreuzigung und Auferstehung etwas Neues begonnen hat. Wenn wir uns durch eigene gute Werke, etwa durch das Einhalten alter, strenger religiöser Riten gerecht machen müssten, wäre Christus ja umsonst gestorben. So weit die Argumentation des Paulus gegen Petrus damals in Antiochia.
Mir gefällt dieser dritte Weg, den Paulus hier einschlägt: frei sein aus Glauben. Er spricht mir aus dem Herzen mit seiner deutlichen Sprache gegen eine Überregulierung der von Gott geschenkten Freiheit durch Gesetze und Normen. Paulus weiß und glaubt: Wer die lebensdienlichen Prinzipien Gottes verstanden hat und befolgt, lebt freier und ehrlicher und kann sich aus Glauben Christus anvertrauen, der selbst sagt: Ein Christ lebt nicht mehr in Verbindung mit dem Gesetz, sondern in Verbindung mit Christus. Er ist nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Römer 6,14).