Sie haben sich mit Sekundenkleber auf der Straße festgeklebt. Ein paar junge Leute der „Letzten Generation“ – wie sie sich nennen. Sie wollen protestieren gegen die scheinbare Tatenlosigkeit angesichts des Klimawandels. Die Autofahrer hupen und schimpfen. Ist ja auch verständlich. Sie müssen zur Arbeit und jetzt geht nichts mehr. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Neben mir im Wartezimmer in der Radiologie sitzt eine Frau mittleren Alters. Ich merke ihr an, dass sie aufgeregt ist, verunsichert. Die radiologische Untersuchung hat eben stattgefunden – jetzt wartet sie auf das Ergebnis. Was wird herauskommen? Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Doch zu hoffen ist nicht immer leicht. Es gibt so viel Seufzen in der Welt, im Leben. Morgens seufzen die Zeilen in der Zeitung, wenn sie von neuen Raketenangriffen in der Ukraine berichten, von denen wieder einmal Zivilisten betroffen sind. Abends seufzen die Bilder sinkender Flüchtlingsboote in den Nachrichten. Geschichten von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Tod – sie sind zahlreich. Und sie seufzen.
Das ist das Gegenteil von Hoffnung. Ohne Hoffnung geht es nicht weiter. Hoffnung blickt über das Jetzt hinaus. Auf ein anderes Leben in einer anderen Welt. Jede Hoffnung braucht einen Grund. Sonst ist sie keine Hoffnung, sondern nur ein leeres Versprechen.
Paulus spricht vom „ängstlichen Harren der Kreatur“ – der ganzen Schöpfung. Aber „Harren“ ist mehr als Warten. Wer auf etwas harrt, der hat einen guten Grund für seine Hoffnung. Er vertraut darauf, dass Gott am Ende wahr machen wird, was er versprochen hat: dass das Leid ein Ende hat, dass die Vergänglichkeit selbst zu Ende geht. Und dass die Herrlichkeit Gottes sichtbar wird. An seiner ganzen Schöpfung. Und an uns. Dass wir frei sind. Frei von Tod und Vergänglichkeit.
Die Hoffnung stirbt zuletzt? – Das soll nicht so sein! Die Hoffnung muss lebendig bleiben, sie braucht Nahrung. Wenn eine Frau schwanger war, sagte man früher: Sie ist guter Hoffnung! Das heißt doch: Ihr Kind ist noch nicht geboren. Sie hält es noch nicht in den Armen. Aber doch ist es da. Es wächst in ihr. Jeden Tag. Es prägt ihre Tage und dann wird der Tag kommen: ein neues Leben!
Ich sitze noch im Wartezimmer der Radiologie. Meine Nebensitzerin wird aufgerufen. Nach ein paar Minuten schaut sie noch einmal herein ins Wartezimmer und strahlt über das ganze Gesicht. Man hat nichts gefunden! Die ganze Sorge war umsonst. Wie glücklich sie jetzt ist. Und dankbar.
Und auch die jungen Leute auf der Straße merken, dass ihr Einsatz nicht nur Widerspruch und Zorn hervorruft, sondern dass Menschen auch ins Nachdenken kommen. Einer bringt einen Becher Kaffee vorbei. Und Brezeln. „Hier, damit ihr nicht verhungert“, sagt er.
Gegen den Klimawandel zu tun, was in unseren Kräften steht, auch das hat etwas mit dem Seufzen der Kreatur zu tun. Und mit Hoffnung. Denn hoffen heißt nicht, tatenlos zu bleiben. Und harren bedeutet zu wissen, dass Gottes Herrlichkeit anbrechen wird wie ein neuer Morgen – und wir mithelfen dürfen mit unseren Kräften. Tag für Tag. Die Hoffnung lässt Leben wachsen – bis alle sie sehen: die herrliche Freiheit der Kinder Gottes!