Der Predigttext für diesen Sonntag ist bedeutsam. In wenigen Zeilen bringt Jesus zwei wichtige Gebote zusammen, die die Menschen seiner Zeit hätten befolgen sollen. Es geht darum, Gott und den Nächsten (wie sich selbst) zu lieben, wodurch eine Art Dreiklang entsteht, der für jedes mündige Dasein in der Welt unverzichtbar ist. Zudem stellt dieser Text eine Besonderheit dar, weil er eine Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen Testament schlägt. Neben all diesen inhaltlichen Vorzügen enthält der kurze Text noch einen weiteren Aspekt, der in unserer Zeit ebenfalls von zentraler Bedeutung ist. Worum geht es hier genau?
Die Tatsache, dass ein Schriftgelehrter mit Jesus ins Gespräch kommt, lässt den Leser vermuten, dass das Gespräch in einem Konflikt enden wird, insbesondere wenn man die verschiedenen Streitgespräche und Fangfragen (ab Markus 11,27) berücksichtigt, geprägt von einer feindseligen Atmosphäre, die darauf abzielt, einen Skandal zu provozieren. Der heutige Leser kann nicht umhin, einen Vergleich zwischen der Welt dieses Textes und seiner eigenen Welt zu ziehen: Ist nicht ein Großteil unseres modernen Lebens von Konkurrenzkampf und Rivalität geprägt? Ist es nicht so, dass das bloße Beharren auf der eigenen Position und die Bereitschaft, diese um jeden Preis abzusichern, zu immer mehr Konflikten führen? Zur Überraschung des Lesers endet das Gespräch Jesu mit dem Gelehrten ohne jegliche Polarisierung. Aber wie kommt es zu diesem friedlichen Ausgang?
Auf die Frage des Schriftgelehrten, welches das wichtigste Gebot sei, zitiert Jesus den Kern des jüdischen Glaubens an Gott und verbindet ihn mit dem Gebot der Nächstenliebe. Der Schriftgelehrte, bereit für eine Lernübung, hört die Antwort Jesu, tritt einen deutlichen Schritt auf ihn zu und bestätigt seine Worte: „Ja, Meister, du hast recht geredet! Ihn lieben, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ Dass ein Schriftkundiger Brand- und Schlachtopfer auf diese Art relativiert, ist überraschend. Die Schriftgelehrten kannten das Gesetz des Mose sehr genau und setzten sich für dessen exakte Einhaltung ein. Aber dann geht Jesus auch auf den Schriftgelehrten zu. Er sieht, dass der Schriftgelehrte weise geantwortet hat, und kann ihm so einen Platz im Reich Gottes ermöglichen: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes,“ spricht Jesus, verzichtet auf jede Kritik und sieht in ihm ein Potenzial für das kommende Reich Gottes.
So konnten beide über das allgemein Akzeptierte hinausgehen. Beide schafften es, durch den anderen etwas zu erkennen, was ein Beharren auf der eigenen Meinung verunmöglicht hätte.
An diesem Israel-Sonntag möchte ich daher bewusst für den Frieden in der Welt beten; einen Frieden, der nicht möglich ist, wenn verschiedene Seiten auf ihre eigene Rechtschaffenheit bestehen und um jeden Preis das erreichen wollen, was sie für richtig halten.
Der Predigttext sagt uns, dass eine echte Begegnung zwischen zwei Seiten möglich ist; eine Begegnung, die die Dynamik eines echten Gesprächs achtet, und so Heilung und Frieden bringt. Denn jedes echte Gespräch beginnt mit einem Schritt auf den anderen zu, und jeder Schritt hin zu dem anderen ist ein Schritt auf das Reich Gottes zu.