Wenn etwas „über den Jordan geht“, ist klar: Da hat sich nicht etwa einer zu einer Reise in den Nahen Osten aufgemacht, sondern da ist etwas kaputtgegangen. Wenn der Ehepartner sagt: „Unsere Waschmaschine ist über den Jordan gegangen“, dann braucht die Familie eine neue. Manchmal sagt man es auch von Menschen, die gestorben sind.
Hinter der Redewendung steht die biblische Geschichte, in der das Volk Israel den Jordanfluss überquert. Zwischen dem See Genezareth und dem Toten Meer mäandert der Jordan in großen Schlaufen und hat sich dabei ein tiefes Bett gegraben.
Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Jordan früher viel mehr Wasser geführt hat, weil zu Josuas Zeiten noch nichts für die bewässerungsintensive Landwirtschaft abgezweigt wurde – für entschlossene Einwanderer wäre der Fluss auch damals kein unüberwindliches Hindernis gewesen. Letztlich aber geht es bei dieser ganzen Einzugszeremonie gar nicht um den Fluss als Hindernis. Wenn Josua dem Volk im Namen Gottes befiehlt: „Heiligt Euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun“, dann ist die Flussdurchquerung ohne nasse Füße noch das kleinste Wunder.
Entscheidend sind drei andere Dinge. Erstens: Das Volk Israel hat sehr lange auf diesen Übergang ins „gelobte Land“ warten müssen. Jetzt sind sie endlich am Ziel ihrer vierzigjährigen Wüstenwanderung. Das eigentliche Wunder ist, dass sie mit Gottes Hilfe dieses Etappenziel erreicht haben. Zweitens ist bedeutsam, dass am Jordan noch einmal das gleiche Durchzugswunder passiert wie am Schilfmeer. Damals hatte Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt. Drittens sind die Israeliten nach wie vor auf ihren Gott und Herrn angewiesen. Denn kaum haben sie die Grenze überschritten, fangen die Schwierigkeiten erst richtig an. Der Übergang über den Jordan ins Land Kanaan war kein Spaziergang. Die Migranten merkten schnell, dass das sogenannte „gelobte Land“ eben auch ein fremdes Land ist, dessen zahlreiche Bewohner ihrem kleinen Häuflein haushoch überlegen sind. Beim Gedanken an das Land jenseits des Jordans musste auch den tapfersten Israeliten das Herz in die Hose rutschen. Die Einnahme Kanaans mit seinen großen Städten – so erzählt das Buch Josua – war menschlich gesehen ein aussichtloses Unterfangen. Die Israeliten können auch die nächste Etappe nur mit Gottes Hilfe bestehen.
Der Jordan war für das Gottesvolk der Grenzfluss zum verheißenen Land. Deshalb ist – um noch einmal auf die Redewendung zurückzukommen – der Übergang über den Jordan zum Symbol des Sterbens geworden. Für die alten Griechen bildete der Fluss Styx die Grenze zur Unterwelt, zum Hades. Anders für Christen: Das gelobte Land ist zum Symbol für das ewige Leben geworden und der Übergang über den Jordan ein Bild für den Eintritt ins Himmelreich. Diesen Übergang können wir allein mit Gottes Hilfe schaffen. Er führt uns aus dem Tod ins Leben.
Übrigens ist auch jede Taufe ein symbolischer Gang über den Jordan oder besser gesagt „durch den Jordan“. Deshalb gibt es bis heute Taufen im Namen Jesu, bei denen Erwachsene, aber auch kleine Kinder vollständig im Wasser untergetaucht werden. Müssten sie unten bleiben, würden sie umkommen. Weil sie wieder herausgezogen werden, ist ihnen neues Leben geschenkt. Ein Leben mit Jesus, das auch dann nicht aufhört, wenn wir einmal „über den Jordan“ gehen werden.