Von den vielen Bildern, die sich unsere Vorfahren von Gott gemacht haben, gehört das für mich zu den schönsten: Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet. Die Kraft, die hinter allem Leben steht, sollen wir uns nicht nur als König und Herrscher vorstellen, der alles so herrlich regieret. Auch nicht nur als Hirten, der uns auf unsichtbare Weise durchs Leben begleitet. Sondern eben auch wie eine Mutter, die uns in den Arm nimmt und uns tröstet, wenn uns etwas zugestoßen ist. Das geht ja nicht nur Kindern so, sondern gehört zu den elementaren Erfahrungen des Lebens. Wer verletzt ist, wem etwas zugestoßen ist, braucht zuerst einmal einen Ort, an dem der Schmerz versurren kann. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wie schön, wenn es dann Arme gibt, die einen halten, bis man sich wieder neu sortiert hat und die Kraft wiederkehrt. Mascha Kaleko hat es in ihrem Gedicht treffend formuliert: „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen. Den aber braucht man sehr.“
So viel bringt uns durcheinander und zerreißt einem das Herz. So viel lässt einen ohnmächtig zurück. Wie kommt man klar, wenn etwas Schreckliches passiert? Wenn man das Gefühl hat, überall von lähmenden Strukturen umgeben zu sein? Wenn das Leid, das Diktatoren und Autokraten unschuldigen Menschen zufügen, zum Himmel schreit? Was tröstet uns so, dass wir zumindest unser Leben wieder in die Hand nehmen, unsere Lebendigkeit wiederfinden und das tun können, was jetzt ansteht? Und wo ist eigentlich Gott in all dem? Müssen wir uns von dem Bild, dass „er alles so herrlich regieret“ verabschieden, weil so viel dem widerspricht? Wo ist Heilendes, Befreiendes, Tröstendes?
Jesus sagte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wir haben uns angewöhnt, diesen Satz fast entschuldigend zu sagen, wenn wir wieder einmal so wenige sind. Gemeint ist aber etwas ganz anderes. Es reicht die Begegnung mit einem Menschen, wo immer sie auch geschieht, und etwas kommt ins Schwingen. Es steckt so viel mehr Energie in jeder Begegnung als wir ahnen. Es reicht, wenn zwei oder drei Menschen einander liebevoll wahrnehmen – und etwas ändert sich, wird erträglich, weitet sich. Es ist, als ob eine Kraft hinzukommt und man wieder atmen kann. In der religiösen Sprache sagen wir dazu: Es ereignet sich Gott. Ganz zart entsteht jenseits aller Einsamkeit und auch im Angesicht von Leid eine neue Welt. Tränen werden abgewischt. Lebensraum entsteht. Schaut auf, spricht Gott, ich mache alles neu.
Solche Begegnungen, meist unspektakulär mitten in unserem Alltag, sind wie Samenkörner von Gottes neuer Welt. Sie ereignen sich überall, bei Zufallsbegegnungen oder tiefen Freundschaften, auf der Straße oder bei einem Besuch.
Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet. Das Leben ist nicht leicht. Aber wir sind nicht allein. In unserem Trauern und in unserem Trösten, in unserem miteinander Reden oder auch in unserem gemeinsamen Schweigen; in jeder Begegnung, die in Liebe geschieht, wohnt Gott. „Ihr werdet´s sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wie Gras.“ Siehe, schon sprosst Neues. Erkennt ihr es nicht?