Paulus weiht uns in ein Geheimnis ein. Aber halt: Alles steht doch ganz offen da, für jeden, der Augen hat und lesen kann? Nichts also, was ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut worden wäre, wie es unter besten Freunden manchmal geschieht: „Niemand weitersagen – schwör!“ Hier hilft es ausnahmsweise, in den griechischen Urtext zu spickeln: Wo wir „Geheimnis“ hören, schreibt Paulus „Mysterion“. Ach ja: Manchmal leihen wir uns dieses Fremdwort, dann nämlich, wenn wir auf etwas Rätselhaftes, Unergründliches stoßen.
Ein Mysterium war für Paulus das – vielleicht zentrale – Kapitel seines Lebens, die Sache, die ihn dauerhaft beschäftigt hat. Wobei: „Beschäftigt“ ist eine Untertreibung. Fing das nicht schon rätselhaft an? Damals, als er, wie wir oft sagen, „vom Saulus zum Paulus“ wurde? (Das ist sprichwörtlich, aber auch schief. Denn Schaul war der jüdische beziehungsweise hebräische Name des Apostels, Paulos wurde er genannt, wenn er in einer griechischsprachigen Umgebung auftrat.) Einer, der die Anhänger Jesu, des Christos (griechisch für das hebräische „Maschiach“, bedeutet „der Gesalbte“), bedrängt hat, begegnete in einer Vision vor Damaskus diesem Auferstandenen und erlebt danach eine völlige Neuausrichtung: Er wurde nicht verurteilt oder bestraft, sondern in die Nachfolge berufen und sogar als Apostel (bedeutet „Gesandter“) in Dienst genommen. Ausgerechnet?!
Das war eine grundstürzende Erfahrung und in ihr liegt sozusagen die DNA des Geheimnisses, das Paulus offenbart wurde. Lesen Sie diese Verse oben einmal laut: Menschlicher Ungehorsam und Gottes Barmherzigkeit wechseln die Seiten, das wirkt fast chaotisch. Chaotisch und sinnlos – genau das war es nämlich lange Zeit für Saulus/Paulus. Wie konnte es zugehen, dass die jüdischen Geschwister ihm, dem stolzen Benjaminiten (Römer 11,1) und in der Schrift gelehrten Rabbinenschüler (Apostelgeschichte 22,3) nicht folgen wollten, seiner Evangeliumsbotschaft gar mit Ablehnung begegneten? Das muss ein großer Seelenschmerz gewesen sein; da waren viele Zweifel, sicher auch Verzweiflung – bis Paulus auf diese existenzielle Frage eine Antwort aus den Schriften zuteilwird. Denn jetzt, in den letzten Versen des theologischen Teils des Römerbriefs, finden menschlicher Ungehorsam und Gottes Barmherzigkeit in eine höhere Ordnung.
Das also ist das biografisch-existenzielle Geheimnis, an dem Paulus uns Anteil gibt: dass erstens Israel das Evangelium nicht annimmt, dass zweitens Gottes Barmherzigkeit dieses „Nein“ schöpferisch nutzt, um drittens der frohen Botschaft einen neuen (Um-)Weg zu eröffnen – zu den Völkern, die jetzt von diesem Gott und seiner Liebe erreicht werden.