„Manchmal komme ich mir vor wie ein Gegenstand,“ erzählte mir neulich eine Krebspatientin. „Kontrollen, Infusionen, beste medizinische Versorgung. Ich höre alle um mich herum über meine Krankheit reden, über Gründe für meine schlechten Blutwerte, Wechselwirkungen von Medikamenten und optimale Behandlungsmethoden. Zeit, um zu fragen, wie es mir geht, bleibt viel zu wenig. In solchen Momenten fühle ich mich gar nicht wahrgenommen. Komme mir nur noch vor wie ein Problem, das gelöst werden muss. Das macht mich klein und traurig. Obwohl ich das gar nicht bin.“
Als Jesus mit seinen Jüngern an einem Mann vorbeikam, der blind geboren war, sahen sie nicht ihn. Sie machten an ihm eine theologische Fragestellung fest, nahmen ihn zum Anlass für moralische Beurteilungen, nutzten die Gelegenheit, über Leid und Schuld mit Jesus ins Gespräch zu kommen. Bei ihrer Frage nach dem Entweder-oder hätte Jesus schnell antworten können. Das tat er aber nicht. Er reduzierte den Blindgeborenen nicht auf seine Blindheit. Er stellte den Menschen nicht als Problemfall dar. Er zerbrach die Denkstruktur, dass Krankheit, Behinderung oder Leid die Folge von Schuld seien.
Jesus blieb nicht dabei stehen, über den Menschen zu reden. Jesus machte nicht klein. Er richtete auf, wo menschliche Sichtweisen und Worte verletzten. Jesus sah den Menschen an, der von Geburt an blind war. Er begegnete ihm auf Augenhöhe, als Gegenüber. Er wandte sich ihm zu und ging mit ihm in Beziehung. Dabei stellte er den ganzen Menschen in den Mittelpunkt. Genau dort, wo er war, und genauso, wie er war. Als von Gott gewollt, wichtig und wertvoll. Dadurch weitete Jesus den Blick und zeigte konkret, was er sagte. Er scheute sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht, „sich die Finger schmutzig zu machen“, als er auf die Erde spuckte, den Brei vermischte und diesen auf die Augen des Blinden strich. Er hielt nicht Abstand. Jesus ließ sich vom Leben dieses Menschen berühren und berührte ihn. Er, der schon ahnte und bald selbst spüren würde, was Schmerzen sind, und wie sich Sterben anfühlt. Er, der wusste, dass Leben aus Höhen und Tiefen besteht, nicht alles immer wieder gut werden kann oder narbenlos verheilt.
Jesus schaute nicht zurück und fragte nach etwaiger Schuld. Er brachte Bewegung in die Geschichte. Er ließ den Blindgeborenen nicht am Rande stehen, sondern befähigte ihn, Handelnder seines eigenen Lebens zu werden. Der Weg zum Teich Siloah ist zukunftsweisend: Der Mensch bleibt nicht darauf festgelegt, was andere über ihn sagen. Er wird gesendet, geht los und kommt sehend zurück. Gerade dort, wo nicht alles hell scheint, lässt Gott seine Gegenwart aufleuchten. Durch Jesus kommt Gott uns Menschen ganz nahe – nicht als Erklärung für alles Leid, sondern indem er berührt, Würde schenkt und neue Möglichkeiten eröffnet, Leben zu gestalten. So gesehen, beginnt etwas heil zu werden.