Noch hängen einzelne Blätter an den Bäumen. Doch ihr Farbton verändert sich. Sie werden dunkler. Die bunten Blätter, die uns den Herbst so lieb machen, sind gefallen. Nun werden sie mit Füßen getreten. Und die Blume im Garten, die einst aufblühte, verwelkt. Es ist November. Ein fahles Licht liegt über diesem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Volkstrauertag.
Aufblühen und Verwelken. Das ist das Gesetz, dem alles Leben unterworfen ist. Gerade jetzt wird es uns wieder bewusst, da wir der Toten gedenken, die einst zu uns gehörten wie die Blätter, die gefallen sind. Und unversehens sind wir mit unserer Sterblichkeit konfrontiert. Jahr für Jahr, Tag für Tag, Stunde für Stunde verkürzt der Tod unsere Lebenszeit. Aber das alleine ist es nicht, was Hiob unruhig macht. Vielmehr fühlt er sich von einem unerbittlichen Gott in Blick genommen, der ihn durchleuchtet und vor Gericht stellt. Kann er, dessen Leben Fragment ist und bleibt, dem genügen? Nein, auch ich war nicht immer ein guter Partner, ein guter Freund, ein guter Kollege. Und gerade, wenn ich es gut meinte und gut wollte, stehe ich nur allzu oft vor den Scherben meines Tuns. „Kann wohl ein Reiner kommen…? Auch nicht einer!“
Heute, am Volkstrauertag, denken wir zudem an das Unheil vergangener und gegenwärtiger Kriege. So viel Irrtum! So unendlich großes Leid! Wir sehen der besonderen Schuld unseres Volkes ins Auge. Und denken zugleich an die Kinder, Frauen und Männer, die Opfer der Bombennächte heute werden. Wie nur bringen wir das zerstörte Leben so vieler mit Gott zusammen?
Hiob, der sich dieser Wirklichkeit stellt, mit ihr hadert und an Gott schier verzweifelt, hält dennoch an ihm fest. Ruft Gott gegen Gott an. Lässt auch das Unbegreifliche von ihm umspannt sein in der Hoffnung, dass der Allmächtige selbst das Schwere in sich trägt, um es einmal zu wenden und aus dem Bösesten Gutes entstehen zu lassen; dass Gott uns vor seinem Zorn versteckt und sich schließlich liebevoll unser erinnert. Gott, so glauben wir für Hiob, für die Opfer der Kriege und auch für uns, Gott hat sich erinnert. Ihn hat das „Verlangen nach dem Werk seiner Hände“ in Bewegung gesetzt. Er ist Mensch geworden, um in Christus allen Schmerz auf sich zu nehmen und uns durch alle Gräber und alles Versagen hindurch zurückzurufen ins Leben. Ja, Gott wird uns richten. Aber durch den, der Schuld und Tod überwand. Mit den Augen Jesu schaut er Hiob und alle Menschen an und sieht durch Entstellungen hindurch sein und ihr wahres Bild. Darum wird am Ende der in seiner Güte allmächtige Gott mit seiner Gnade, seinem Erbarmen, im Recht sein.