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Impuls

Gott gegen Gott anrufen

Impuls zum vorletzten Sonntag im Kirchenjahr: Hiob 14,1-6.13.15-17.

Hiob 14,1-6.13.15-17

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Porträt von Christian Schad
Foto: Winfried Rothermel
Christian Schad ist emeritierter Kirchenpräsident der Ev. Kirche der Pfalz.

Noch hängen einzelne Blätter an den Bäumen. Doch ihr Farbton verändert sich. Sie werden dunkler. Die bunten Blätter, die uns den Herbst so lieb machen, sind gefallen. Nun werden sie mit Füßen getreten. Und die Blume im Garten, die einst aufblühte, verwelkt. Es ist November. Ein fahles Licht liegt über diesem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Volkstrauertag.

Aufblühen und Verwelken. Das ist das Gesetz, dem alles Leben unterworfen ist. Gerade jetzt wird es uns wieder bewusst, da wir der Toten gedenken, die einst zu uns gehörten wie die Blätter, die gefallen sind. Und unversehens sind wir mit unserer Sterblichkeit konfrontiert. Jahr für Jahr, Tag für Tag, Stunde für Stunde verkürzt der Tod unsere Lebenszeit. Aber das alleine ist es nicht, was Hiob unruhig macht. Vielmehr fühlt er sich von einem unerbittlichen Gott in Blick genommen, der ihn durchleuchtet und vor Gericht stellt. Kann er, dessen Leben Fragment ist und bleibt, dem genügen? Nein, auch ich war nicht immer ein guter Partner, ein guter Freund, ein guter Kollege. Und gerade, wenn ich es gut meinte und gut wollte, stehe ich nur allzu oft vor den Scherben meines Tuns. „Kann wohl ein Reiner kommen…? Auch nicht einer!“

Heute, am Volkstrauertag, denken wir zudem an das Unheil vergangener und gegenwärtiger Kriege. So viel Irrtum! So unendlich großes Leid! Wir sehen der besonderen Schuld unseres Volkes ins Auge. Und denken zugleich an die Kinder, Frauen und Männer, die Opfer der Bombennächte heute werden. Wie nur bringen wir das zerstörte Leben so vieler mit Gott zusammen?

Hiob, der sich dieser Wirklichkeit stellt, mit ihr hadert und an Gott schier verzweifelt, hält dennoch an ihm fest. Ruft Gott gegen Gott an. Lässt auch das Unbegreifliche von ihm umspannt sein in der Hoffnung, dass der Allmächtige selbst das Schwere in sich trägt, um es einmal zu wenden und aus dem Bösesten Gutes entstehen zu lassen; dass Gott uns vor seinem Zorn versteckt und sich schließlich liebevoll unser erinnert. Gott, so glauben wir für Hiob, für die Opfer der Kriege und auch für uns, Gott hat sich erinnert. Ihn hat das „Verlangen nach dem Werk seiner Hände“ in Bewegung gesetzt. Er ist Mensch geworden, um in Christus allen Schmerz auf sich zu nehmen und uns durch alle Gräber und alles Versagen hindurch zurückzurufen ins Leben. Ja, Gott wird uns richten. Aber durch den, der Schuld und Tod überwand. Mit den Augen Jesu schaut er Hiob und alle Menschen an und sieht durch Entstellungen hindurch sein und ihr wahres Bild. Darum wird am Ende der in seiner Güte allmächtige Gott mit seiner Gnade, seinem Erbarmen, im Recht sein.

Gebet

Gott, warum? Soviel Not und tiefe Scham; mein eigenes Versagen. Ohne dich sind wir verloren. Lass uns nicht allein mit unsren Fragen, unserer Sorge, unserer Schuld. Komm, richte uns auf. Erbarm dich unser und schenk dieser Welt Frieden. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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