Es ist eine Zumutung: „Hebt eure Augen in die Höhe!“ Wer im Staub sitzt, wer die Trümmer des eigenen Lebens zählt, hebt nicht gern den Blick. Jesaja spricht zu müden Menschen. Das babylonische Exil hat den Israeliten die Knochen weich gemacht. Der Tempel zerstört, die Felder verwüstet, die Lieder verstummt. Ein kollektives Trauma. Man hatte Gott verloren zwischen Euphrat und Tigris. Und mit Gott die eigene Geschichte.
Gegen die Abnutzungs- und Ermüdungseffekte seiner Zeit entwickelt der Prophet ein eigentümliches Therapiekonzept. Jesaja ist kein Therapeut, aber er kennt die Menschen. Und er kennt die Geschichte, die sie mit Gott haben. Und so tut er etwas so Einfaches wie Kühnes: Er erzählt. Man muss die Kapitel 40 bis 55 lesen, um zu verstehen. Jesaja erzählt vom Schöpfer, der die Enden der Erde gemacht hat. Vom Gott, der Israel aus Ägypten führte und aus einer Schar von Sklaven ein Volk machte. Vom Gott, der David ein Reich gab und Verheißungen, die länger währen als ein Menschenleben. Jesaja kramt die alten Motive hervor wie ein Großvater die vergilbten Fotografien. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Widerstand.
Denn die größte Gefahr ist nicht die Niederlage. Die größte Gefahr ist, dass man die Gegenwart absolut setzt. Nicht von ungefähr warnte Friedrich Nietzsche: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Jesaja weiß das. Darum lenkt er den Blick.
Der erhobene Blick relativiert nicht das Leid. Aber er relativiert seine Allmacht. „Der Herr wird nicht müde noch matt.“ Menschen ermüden. Völker ermüden. Auch die Jungen fallen. Aber Gott nicht. Das ist kein frommer Satz. Es ist ein Gegengift gegen die Verabsolutierung der Katastrophe, wenn wir heute wieder Bilder aus dem Nahen Osten sehen: zerstörte Häuser, weinende Mütter, verängstigte Kinder. Städte in Israel, Gaza, Libanon oder Iran, deren Namen sich einbrennen. Wenn uns die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt sprachlos macht und stumpf.
Was tun gegen die Ermüdung der Seele? Vielleicht dasselbe wie Jesaja: erzählen. Erzählen von dem Gott, der größer ist als unsere Frontlinien. Von dem Gott, der Parteien überdauert und Ideologien zerlegt. Von dem Gott, der Recht liebt und Barmherzigkeit nicht vergisst. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Das ist keine Vertröstung auf später. Harren heißt: sich ausrichten. Den Blick heben. Nicht im Staub bleiben. Es heißt: der Gegenwart widersprechen, indem man sich an die größere Geschichte erinnert.
Jesaja erzählt – und wartet, was geschieht. Vielleicht wachsen keine Flügel über Nacht. Vielleicht bleibt die Müdigkeit noch eine Weile. Aber es keimt ein Trotz gegen die Hoffnungslosigkeit. Adler steigen nicht, weil sie stark sind. Sie steigen, weil sie den Aufwind nutzen. Der Glaube ist solcher Aufwind. Er trägt nicht aus der Welt hinaus, sondern durch sie hindurch. Wir dürfen müde sein, doch wir sollen nicht im Abgrund wohnen. Hebt eure Augen. Nicht, weil die Welt heil ist. Sondern weil es Gott ist. Und weil seine Geschichte mit uns noch nicht zu Ende erzählt ist.