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Impuls zum Sonntag Quasimodogeniti: Jesaja 40,26–31.

Jesaja 40,26-31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Porträt von Tilo Knapp
Foto: privat
Der promovierte Theologe Tilo Knapp ist Pfarrer der Stuttgarter Kirchen­gemeinde Markus-Haigst.

Es ist eine Zumutung: „Hebt eure Augen in die Höhe!“ Wer im Staub sitzt, wer die Trümmer des eigenen ­Lebens zählt, hebt nicht gern den Blick. Jesaja spricht zu müden Menschen. Das babylonische Exil hat den Israeliten die Knochen weich gemacht. Der Tempel ­zerstört, die Felder verwüstet, die Lieder verstummt. Ein kollektives Trauma. Man hatte Gott verloren zwischen ­Eu­phrat und Tigris. Und mit Gott die eigene Geschichte.

Gegen die Abnutzungs- und Ermüdungseffekte seiner Zeit entwickelt der Prophet ein eigentümliches Therapiekonzept. Jesaja ist kein Therapeut, aber er kennt die Menschen. Und er kennt die Geschichte, die sie mit Gott haben. Und so tut er etwas so Einfaches wie Kühnes: Er erzählt. Man muss die Kapitel 40 bis 55 lesen, um zu verstehen. Jesaja erzählt vom Schöpfer, der die Enden der Erde gemacht hat. Vom Gott, der Israel aus Ägypten führte und aus einer Schar von Sklaven ein Volk machte. Vom Gott, der David ein Reich gab und Verheißungen, die länger währen als ein Menschenleben. Jesaja kramt die alten Motive hervor wie ein Großvater die ver­gilbten Fotografien. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Widerstand.

Denn die größte Gefahr ist nicht die Niederlage. Die größte Gefahr ist, dass man die Gegenwart absolut setzt. Nicht von ungefähr warnte Friedrich Nietzsche: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Jesaja weiß das. Darum lenkt er den Blick.

Der erhobene Blick relativiert nicht das Leid. Aber er relativiert seine Allmacht. „Der Herr wird nicht müde noch matt.“ Menschen ermüden. Völker ermüden. Auch die Jungen fallen. Aber Gott nicht. Das ist kein frommer Satz. Es ist ein Gegengift gegen die Verabsolutierung der Katastrophe, wenn wir heute wieder Bilder aus dem Nahen Osten sehen: zerstörte Häuser, weinende Mütter, verängstigte Kinder. Städte in Israel, Gaza, Libanon oder Iran, deren Namen sich einbrennen. Wenn uns die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt sprachlos macht und stumpf.

Was tun gegen die Ermüdung der Seele? Vielleicht ­dasselbe wie Jesaja: erzählen. Erzählen von dem Gott, der größer ist als unsere Frontlinien. Von dem Gott, der Parteien überdauert und Ideologien zerlegt. Von dem Gott, der Recht liebt und Barmherzigkeit nicht vergisst. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Das ist keine Vertröstung auf später. Harren heißt: sich ­ausrichten. Den Blick heben. Nicht im Staub bleiben. Es heißt: der Gegenwart wider­sprechen, indem man sich an die größere Geschichte erinnert.

Jesaja erzählt – und wartet, was geschieht. Vielleicht wachsen keine Flügel über Nacht. Vielleicht bleibt die Müdigkeit noch eine Weile. Aber es keimt ein Trotz gegen die Hoffnungslosigkeit. Adler steigen nicht, weil sie stark sind. Sie steigen, weil sie den Aufwind nutzen. Der Glaube ist solcher Aufwind. Er trägt nicht aus der Welt hinaus, sondern durch sie hindurch. Wir dürfen müde sein, doch wir sollen nicht im Abgrund wohnen. Hebt eure Augen. Nicht, weil die Welt heil ist. Sondern weil es Gott ist. Und weil seine Geschichte mit uns noch nicht zu Ende erzählt ist.

Gebet

Auf dich, Gott, richten wir uns aus. Du zählst die Sterne und kennst doch unseren Namen. Gib uns Kraft zum Gehen, Aufwind im Fallen und Hoffnung gegen den Augenschein. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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