Was für ein spröder Text! Mir fehlen die vertrauten Weihnachtsbilder, der Stall mit der Krippe, Engel, die den Hirten die frohe Botschaft verkünden. Dafür wird allerdings ein Geheimnis verheißen.
Der erste Timotheusbrief gehört zu den sogenannten Pastoralbriefen. Hier schreibt jemand an Christen, die schon im Glauben stehen und es noch genauer wissen wollen. Wahrscheinlich war diesen Gemeinden die Weihnachtserzählung des Lukas vertraut. Aber sie hatten offenbar nach der Grundlage des christlichen Glaubens gefragt. Die Antwort ist ein weihnachtliches Glaubensbekenntnis.
Der Text ist wie eine Ikone – kostbar und vielschichtig. Er schaut hinter die Dinge bis in den Himmel hinein. Mit starken Pinselstrichen macht er das Geheimnis unseres Glaubens sichtbar. Er ist im Himmel verankert. Dort wurde Christus in sein Recht eingesetzt. Dort hat er sich den Engeln offenbart. Dorthin wird er zurückkehren in die Herrlichkeit Gottes. Der Himmel wird sich also aus dem Irdischen nicht heraushalten.
Denn an Weihnachten kommt Gott auf die Erde. Er wird in tiefster Armut geboren. Dieses Kind wird von Anfang an Verfolgung und Flucht kennen. Es wird aus irdischer Sicht scheitern. Aber weil es diesen himmlischen Anker hat, verändert sein Scheitern unsere Welt bis in die Grundfesten. Gott wird einer von uns. Das wird tödlich für ihn enden, weil man aus dem Menschsein nicht einfach wieder aussteigen kann. Gott setzt für uns sein Leben aufs Spiel – und er verliert es.
Aber dieses Menschsein Gottes greift in die Welt ein und beleuchtet alles neu. Für Gott haben Macht und Besitz nämlich einen ganz anderen Stellenwert als für die Politik und die globale Weltwirtschaft. Diese für uns so entscheidenden Punkte schnurren vor seinem Blick zur Bedeutungslosigkeit zusammen. In der Heiligen Nacht werden die Engel nicht den Palast des Herodes besuchen, sondern ein Kind bewachen, das nichts hat, was ihm gehört.
Gott sieht uns an. Und er versteht, was er sieht. Er kennt alle Tiefen, die wir durchleben. Ihm ist nichts Menschliches mehr fremd, nicht unser Lachen und auch nicht unsere Tränen. Gott kann man nichts vormachen. Er blickt hinter alle Masken. Wer diesen Blick aushalten kann, beginnt zu erkennen, wie alles zusammenhängt. Denn genauer betrachtet, hält das mittellose Kind in diesem weihnachtlichen Glaubensbekenntnis die Weltkugel in der Hand. Es wird ja mit gutem Grund von der Kirche als Herrscher der Welt verehrt und geglaubt. Noch sieht man wenig davon. Noch machen sich viele Menschen die Welt gegenseitig zur Hölle. Aber so wird unsere Geschichte nicht enden.
Gott wird ein Mensch. Mit dem Kind in der Krippe kommt der Himmel auf die Erde und durchdringt sie. Es beginnt eine neue Welt, in der Gott alle Tränen abwischen wird. Dann ist Gerechtigkeit kein Modewort mehr, sondern sie wird selbstverständlich. Liebe und Erbarmen werden zum Lebensprinzip.
Diesen Himmel, der alles Irdische einbinden wird, bekommen wir von Gott als Weihnachtsgeschenk. Seine Welt umgibt uns auch in den erfolglosen, hoffnungslosen Stunden. Uns blüht eine gute Zukunft. Denn Gott wohnt mitten unter uns.