Mitten in den Kämpfen der Israeliten gegen die Philister ereignet sich die Begegnung zwischen Saul und David. Saul will David töten. Er verfolgt ihn mit einer Übermacht an Männern.
Zufällig, so erzählt es die Bibel, betritt Saul eine Höhle, in der sich David mit seinen Männern versteckt hat. Er will seine Notdurft verrichten. Er ist ganz allein. Davids Männer wollen, dass er Saul tötet. Anstatt die Gelegenheit als Geschenk des Himmels zu deuten und Saul zu töten, verschont David Saul. Er erkennt, dass er in Saul den von Gott erwählten und gesalbten König vor sich hat, dass es Unrecht wäre, diesen zu töten. Als Beweisstück schneidet er heimlich einen Zipfel von Sauls Mantel ab. Als Saul die Höhle verlässt, folgt David ihm und stellt ihn zum Gespräch, schildert die Verschonung. Da kommt Saul zur Besinnung, gesteht, dass er in David seinen Nachfolger sieht. Die Männer trennen sich daraufhin friedlich.
David verschont Saul. Er will Raum geben: für Gottes Gebot, für Gemeinschaft, für Versöhnung. Er sucht das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, den Blick in die Augen, mit dem Saul ihn ansehen, mit ihm reden muss.
Mich erinnert die biblische Geschichte an den Philosophen Emmanuel Lévinas. Er sagt: „Jede Begegnung mit dem Angesicht eines anderen beinhaltet die Erfahrung einer entscheidenden Beziehung. Die Begegnung stört meine egoistische Ruhe.“ Das menschliche Antlitz ist für Lévinas ein Aufruf zum Respekt, zur fundamentalen Achtung vor der uneinholbaren Andersartigkeit meines Gegenübers.
In der Begegnung Davids mit Saul wird um ein ver-söhnendes Miteinander gerungen. David, der den Angreifer Goliath tötet und gegen die Philister kämpft, respektiert Saul als Gesalbten Gottes. Sich an ihm zu rächen, ist nicht der Weg, den David geht. Gott wird einen Weg finden für ihn, ohne dass er seinen Gesalbten tötet. Das ist wahrhaft „messianisch“.
Vielleicht ist es das, was Gott von uns allen erwartet: seiner Großmut und Liebe Raum geben, wo immer wir es vermögen. Seine Gebote achten, Räume der Begegnung offenhalten, Räume des Miteinanders suchen.
„Raum geben – aus Liebe“ – so lautet das Motto der Woche der Diakonie. Das bedeutet: sich starkmachen für andere, Hilfen für Pflegebedürftige und Angehörige schaffen, das Miteinander der Generationen stärken, ein gutes Zusammenleben in den Wohnquartieren fördern, in familiären Krisen Beratung und Hilfen anbieten, zuhören, wo Menschen verzweifelt sind, Notleidenden und Geflüchteten Schutz gewähren.
Haupt- und Ehrenamtliche engagieren sich aus Liebe das ganze Jahr über. Das wird beispielhaft bei einem Kurs für neue Mitarbeitende der Diakonie. Die Teilnehmenden stellen sich einander vor mit einem Symbol. Ein junger Syrer hat ein Filzherz gewählt. Er lächelt: „Eigentlich braucht es zu allem Liebe!“ 2015 ist er in einem überfüllten Boot angekommen. Deutschkurse, Studium der Sozialpädagogik. Leben in einer WG: Schwaben, Syrer, Zugezogene. Er fühlt sich wohl im Ländle, aber es vergeht kein Tag, an dem er nicht um Familie und Freunde in Syrien bangt. In Stuttgart berät er Wohnungslose. Raum geben aus Liebe zum Leben, das Gott doch allen geschenkt hat: dem Saul, den Soldaten, den Syrern, dem David und uns.