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Impuls

Spiegelungen

Impuls zum 11. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 18,9-14.

Lukas 18,9–14

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Porträt von Anja Forberg
privat
Anja Forberg ist Pfarrerin in Rottweil.

Da nimmt ein Mann den Raum ein, stolz und aufrecht, den Kopf selbstgefällig nach oben gereckt. Im Hintergrund steht ein anderer, unscheinbar, den Kopf gesenkt, die Hand auf der Brust. So steht mir das lukanische Bild vom Pharisäer und vom Zöllner vor Augen. Und so habe ich diese Karikatur wohl auch schon oft gesehen. Sie lässt erahnen, dass schon das Bild im Lukasevangelium überzeichnet ist. Waren doch die ­Pharisäer eigentlich die angesehene religiöse Elite, ­während die Zöllner als korrupte Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht galten.

Lukas dreht dieses Bild auf den Kopf, weil er schockieren will. Es geht ihm nicht darum, die Pharisäer als selbstgerechte Heuchler zu malen, wie sich ihr Bild ­später verfestigt hat. Es geht auch nicht um die Frage, wer heute Zöllner und wer Pharisäer ist.

Das Bild zwingt mich, mich selbst darin zu verorten. Und das ist ungemütlich. Wenn ich den Raum betrete, fühle ich mich abgestoßen von der ekligen Selbst­gerechtigkeit des Pharisäers und erwische mich: Ich triefe selbst vor Selbstgerechtigkeit dieser unsympa­thischen Gestalt gegenüber. Instinktiv will ich mich zum Zöllner stellen, der da so demütig steht. Aber dieses Bild, das auf den ersten Blick so eindeutig scheint, ist wie ein Spiegel, der alles auf den Kopf stellt. Mein Leben ist kein schwarz-weißes Bild. Und so bleibe ich unschlüssig zwischen den beiden Gestalten stehen. Denn eigentlich möchte ich auch nicht der sündige Zöllner sein. Beide stoßen mich ab, weil ich mich in ihnen wiederfinde. Wie oft schaue ich auf andere herab, weil ich mich für besser halte? Und wie oft stand ich im Leben innerlich schon wie der Zöllner, sprachlos und verzagt?

Die beiden verbindet etwas: die Sehnsucht, gesehen zu werden und anerkannt zu sein. Sie gehen nur unterschiedlich damit um. Der eine ehrlicher als der andere. Beide überzeichnete Gestalten stecken in mir. Der Pharisäer und der Zöllner. Das Bild hält mir vor Augen, wie oft ich versuche, mich besser zu machen als ich bin. Es zeigt mir, wie oft ich andere abwerte, um mich selbst ins rechte Licht zu rücken. Und wie schwierig es ist, ehrlich zu mir selbst zu sein.

In unserer Gesellschaft bewegen sich alle in diesem Spannungsfeld zwischen Abwertung und Selbstvergewisserung.

Die Haltung beim Gebet muss eine andere sein. Weil Gott mich sieht, wie ich bin. Aus dieser Erkenntnis wächst der Mut, mich von anderen nicht abzuwenden, sondern ihnen offen und auf Augenhöhe zu begegnen. Jesus macht hier deutlich: In Gottes Welt wird alles auf den Kopf gestellt. Die, auf die ich verächtlich herabgeschaut habe, ob wegen ihres Ver­sagens oder ihrer Selbstgerechtigkeit, werden nicht mehr außen stehen. Zwischen Pharisäer und Zöllner stehe ich da und nehme den Pinsel in die Hand. Und fange an, bunt anzumalen, was schwarz-weiß ist in meiner Welt.

Gebet

Gott, ich stehe vor dir. Du stellst meine Füße auf festen Grund und richtest mich auf. Du lenkst meinen Blick in den Himmel, wo deine Weite alles umfängt. Schenke mir Worte, um meiner Sehnsucht eine Stimme zu verleihen. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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