Da nimmt ein Mann den Raum ein, stolz und aufrecht, den Kopf selbstgefällig nach oben gereckt. Im Hintergrund steht ein anderer, unscheinbar, den Kopf gesenkt, die Hand auf der Brust. So steht mir das lukanische Bild vom Pharisäer und vom Zöllner vor Augen. Und so habe ich diese Karikatur wohl auch schon oft gesehen. Sie lässt erahnen, dass schon das Bild im Lukasevangelium überzeichnet ist. Waren doch die Pharisäer eigentlich die angesehene religiöse Elite, während die Zöllner als korrupte Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht galten.
Lukas dreht dieses Bild auf den Kopf, weil er schockieren will. Es geht ihm nicht darum, die Pharisäer als selbstgerechte Heuchler zu malen, wie sich ihr Bild später verfestigt hat. Es geht auch nicht um die Frage, wer heute Zöllner und wer Pharisäer ist.
Das Bild zwingt mich, mich selbst darin zu verorten. Und das ist ungemütlich. Wenn ich den Raum betrete, fühle ich mich abgestoßen von der ekligen Selbstgerechtigkeit des Pharisäers und erwische mich: Ich triefe selbst vor Selbstgerechtigkeit dieser unsympathischen Gestalt gegenüber. Instinktiv will ich mich zum Zöllner stellen, der da so demütig steht. Aber dieses Bild, das auf den ersten Blick so eindeutig scheint, ist wie ein Spiegel, der alles auf den Kopf stellt. Mein Leben ist kein schwarz-weißes Bild. Und so bleibe ich unschlüssig zwischen den beiden Gestalten stehen. Denn eigentlich möchte ich auch nicht der sündige Zöllner sein. Beide stoßen mich ab, weil ich mich in ihnen wiederfinde. Wie oft schaue ich auf andere herab, weil ich mich für besser halte? Und wie oft stand ich im Leben innerlich schon wie der Zöllner, sprachlos und verzagt?
Die beiden verbindet etwas: die Sehnsucht, gesehen zu werden und anerkannt zu sein. Sie gehen nur unterschiedlich damit um. Der eine ehrlicher als der andere. Beide überzeichnete Gestalten stecken in mir. Der Pharisäer und der Zöllner. Das Bild hält mir vor Augen, wie oft ich versuche, mich besser zu machen als ich bin. Es zeigt mir, wie oft ich andere abwerte, um mich selbst ins rechte Licht zu rücken. Und wie schwierig es ist, ehrlich zu mir selbst zu sein.
In unserer Gesellschaft bewegen sich alle in diesem Spannungsfeld zwischen Abwertung und Selbstvergewisserung.
Die Haltung beim Gebet muss eine andere sein. Weil Gott mich sieht, wie ich bin. Aus dieser Erkenntnis wächst der Mut, mich von anderen nicht abzuwenden, sondern ihnen offen und auf Augenhöhe zu begegnen. Jesus macht hier deutlich: In Gottes Welt wird alles auf den Kopf gestellt. Die, auf die ich verächtlich herabgeschaut habe, ob wegen ihres Versagens oder ihrer Selbstgerechtigkeit, werden nicht mehr außen stehen. Zwischen Pharisäer und Zöllner stehe ich da und nehme den Pinsel in die Hand. Und fange an, bunt anzumalen, was schwarz-weiß ist in meiner Welt.