Manchmal brauche ich morgens, bis ich auf die Füße komme. Erst einmal aufgestanden, stehe ich halt mitten im Alltag. Dann heißt es, Entscheidungen treffen; auf Menschen treffen, die anders ticken als ich in ihren Meinungen und Lebensstilen, auch welche, bei denen ich innerlich tief durchatme. Wie darauf reagieren? Klappe halten und durch? Das Kopfschütteln meines Herzens durchklingen lassen oder laut sagen, was Sache ist – direkt raus, auch wenn ich dann ruckzuck in der Spielverderber-Moralapostel-Schublade stecke?
Tief in meinem Inneren höre ich dann Marius-Müller Westernhagen singen: „Wenn dir jemand sagt, du bist zu klein und du hörst nur immer, lass das sein. Wenn dir jemand sagt, du bist nicht schön, kann die Lust auf’s Leben schon vergehen. Steh’ auf, steh’ auf, steh’ auf!“
„Und er (Gott) sprach zu mir (Hesekiel): Du, Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: ‚So spricht Gott der Herr!‘ Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten.“
Steh auf, stelle dich auf deine Füße, fordert Gott Hesekiel auf. Aufrecht soll er stehen – nicht unterwürfig knien – bereit sein loszugehen, um Gottes Wort in die Welt zu sagen. Und dann stellt der Heilige Geist ihn auf seine Füße. So geschieht Hesekiels Aufstehen in einer Mischung aus körperlichem Aufstehen und geistlichem Aufstellen. Aufrecht steht Hesekiel vor Gott, auf seine Füße gestellt, bereit zu hören, was Gott sagt – mit Ohren und Herz.
Gott mutet Hesekiel ganz schön was zu: hinstehen, dem Volk Israel den Spiegel vorhalten, im Auftrag Gottes sagen, wofür die Menschen kaum offene Ohren haben; nicht den Leuten nach dem Mund, sondern Gottes Wort reden. Machtgier und Ausbeutung, unsoziales Verhalten ans Licht zerren: Kein gutes Ende nimmt das, wenn Menschen Gewalt angetan wird und Menschen unterdrückt werden. Sucht Eintracht und Frieden, lebt miteinander, teilt, was ihr habt, und vieles mehr. Gibt der Geist Gottes Hesekiel die Kraft dazu?
Welcher Geist stellt eigentlich mich auf die Füße? Welcher Geist bewegt mich, redet mir ins Gewissen, in mein Herz? Der TikTok-Social-Media-Geist, der Geist der einfachen oder halben Wahrheiten? (Aber was ist schon Wahrheit in Zeiten, in denen die auch gerne „alternativ“ ist?) Der Geist der Vergeltung, der Geist der Macht, der Geist des Neides, der Geist der Gnade, der Geist der Liebe, der Geist des Friedens, der Geist der Vergangenheit, der Geist des Evangeliums, der Geist Gottes?
In den alten Zeiten stellte Gott die Propheten in die Welt, um sein Wort in die Welt zu sagen – in Jesus Christus hat er es dann selbst getan – und in der Nachfolge Jesu stellt Gott mich beziehungsweise uns Christen in die Welt, um Propheten und Botschafter des Wortes Gottes zu sein: „Du, Menschenkind, stell dich auf deine Füße! Du, Menschenkind, ich sende dich.“