Bevor Sie jetzt diesen Impuls hier gemütlich lesen: Stellen oder setzen Sie sich bitte einmal aufrecht hin und strecken Sie sich. Probieren Sie sich so groß, wie möglich zu machen und ihre Hände Richtung Decke zu schieben – bitte dabei das Atmen nicht vergessen … Merken Sie sich bitte diese Bewegung und das Gefühl, das sich in diesem Moment in Ihnen ausbreitet.
Dieser Predigttext gehört zu den Texten, die sich nicht auf Anhieb von selbst erschließen. Es ist keine Heilungsgeschichte, in der Jesus einen Menschen heilt, oder ein Wunder vollbringt. Es ist Teil eines Briefes, den Paulus aus dem Gefängnis an die Gemeinde in Philippi schreibt. Es ist eine Art von „Autobiografie“, in der Paulus nochmals seinen ganzen Werdegang beschreibt. Er stammt aus dem Stamm Benjamin und ist ein „Hebräer von Hebräern“. Er wurde am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten und er hat die Christen anfangs verfolgt. Er hat das für richtig gehalten.
Dann kam aber für ihn die alles entscheidende Bekehrung: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.“ Er hatte eine „überschwängliche“ Erkenntnis von Jesus Christus, die ihn zu einem anderen Menschen gemacht haben. Es ist auch eine Art von Abrechnung mit dem bisherigen. Das bisherige war, ist „der Schaden“, das neue ist „der Gewinn.“
Die Briefe von Paulus sind nie einfach nur Briefe oder eine Postkarte, die man aus dem Urlaubsland in die Heimat schickt. Für ihn sind es immer auch theologische Abhandlungen. Das, was er glaubt und was er für richtig und wichtig hält, teilt er seinen Gemeinden mit. Es geht um die Gerechtigkeit aus Glauben und um die Auferstehung.
Paulus gibt uns in diesem Text aber auch kein Patentrezept dafür, wie wir „richtig“ glauben, so dass wir am Ende auch mit Jesus die Auferstehung erlangen. Er behauptet von sich auch nicht, dass er sich da schon ganz sicher sei.
Ich finde, dass ihn das hier an dieser Stelle sehr menschlich macht und eben auch uns mit hineinnehmen kann in diesen Brief. Wir alle haben unsere Geschichten. Wir alle kommen irgendwo her und sind auf dem Weg nach irgendwo hin. Wir haben schon unsere Erfahrungen mit dem Glauben gemacht, unsere Erfahrungen mit Gott gemacht. Und doch bleibt es irgendwo immer ein Tasten.
So, wie das Gefühl, das wir am Anfang erlebt haben. Wir strecken uns und strecken uns immer noch ein bisschen weiter. Versuchen mit den Händen, der Decker immer noch ein bisschen näher zu kommen. Und dabei flüstert uns eine leise Stimme ins Ohr: „Ich hab‘ dich doch schon längst gefunden.“