Palmsonntag ist der Auftakt zur Karwoche. Während im Hintergrund Intrigen geschmiedet werden, erzählt der Evangelist Markus zugleich von einer ganz anderen Szene. Dabei steht eine Handlung im Mittelpunkt, die provoziert. Denn Jesus ist in Betanien, im Haus Simons des Aussätzigen. Schon dieser Ort ist bedeutsam: Ein Haus, das einst von Krankheit und Ausgrenzung geprägt war, wird zum Ort der Gemeinschaft. Jesus sitzt zu Tisch. Es ist ein Moment der Nähe, des Teilens. Da tritt eine Frau ein. Kein Name wird genannt. Keine Einführung. Sie kommt – und handelt. Ein Alabastergefäß bringt sie – mit reinem Nardenöl. Ein Luxusgut. Wertvoll, selten, vielleicht ihre Altersvorsorge, vielleicht ihr größter Besitz. Ohne viele Worte zerbricht sie das Gefäß und gießt das Öl über Jesu Haupt.
Entscheidend ist dabei: Kein vorsichtiges Öffnen, um etwas für später zurückzubehalten. Es wird zerbrochen. Alles oder nichts. Was eben noch verschlossen war, breitet sich aus. Der Duft des Nardenöls erfüllt den Raum. Duft lässt sich nicht aufhalten. Er breitet sich aus. So wirkt auch Liebe nach und prägt die Atmosphäre.
Sofort regt sich Widerstand. Einige der Anwesenden werden unwillig. Man hätte das Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen und das Geld den Armen geben können. Der Einwand klingt vernünftig, sozial engagiert und verantwortungsbewusst.
Doch Jesus weist die Kritik zurück und stellt sich schützend vor sie. Er nimmt ihre Tat ernst. Während andere nur den materiellen Wert sehen, erkennt er den geistlichen Gehalt. Er deutet ihre Handlung als Salbung im Voraus zu seinem Begräbnis. Während andere noch diskutieren, hat diese Frau offenbar gespürt, was die Stunde geschlagen hat. Sie nimmt Abschied, bevor andere begreifen, dass Abschied bevorsteht. Ihre Tat ist wie ein prophetisches Zeichen. Sie salbt den, der bald leiden wird. Sie ehrt den, der sich selbst hingeben wird.
„Ihr habt allezeit Arme bei euch“, sagt Jesus. Das ist keine Geringschätzung der Armen, sondern eine nüchterne Feststellung. Die Sorge um Bedürftige bleibt Auftrag. Doch dieser Moment ist einzigartig. „Mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Die Zeit ist begrenzt. Die Passion steht bevor. Es gibt Augenblicke, die nicht verschoben werden können.
Und dann spricht Jesus diesen Satz, der wie ein leiser Trost durch die Jahrhunderte klingt: „Sie hat getan, was sie konnte.“
Wie tröstlich ist dieser Satz für unseren Alltag. Wir leben in einer Zeit hoher Erwartungen. Alles soll optimiert werden: unsere Arbeit, unsere Beziehungen, unsere Lebensplanung. Auch im Glauben setzen wir uns Maßstäbe, vergleichen uns, fragen: Tue ich genug? Bin ich engagiert genug? Spende ich genug? Bete ich genug?
Jesus schaut nicht auf das „Genug“ im quantitativen Sinn. Er schaut auf das „Ganz“ im qualitativen Sinn. Die Frau gibt nicht ein wenig. Sie gibt nicht einen Teil. Sie gibt ganz. Und darin liegt das Entscheidende. „Sie hat getan, was sie konnte.“ Dieser Satz Jesu ist von großer seelsorgerlicher Tiefe. Er setzt keinen Maßstab der Größe, sondern der Aufrichtigkeit, der Ernsthaftigkeit. Nicht jede und jeder kann Großes bewirken, aber jede und jeder kann tun, was in der eigenen Kraft steht. Diese Worte nehmen den Druck der Perfektion. Sie befreien vom ständigen Vergleich. Sie würdigen das, was möglich ist – hier und jetzt.