Die einfachste Umkehr ist die Umkehr der Schuld. „Der war´s – nicht ich.“ „Die trägt die Verantwortung – ich bin raus.“ Schuldig zu werden, gar Schuld zu tragen, passt nicht in unsere Zeit der Selbstoptimierung. Wo ich perfekt sein muss, hat Schuld keinen Platz. Also weg damit. Dies zeigt sich daran, dass wir heute nicht mehr um Entschuldigung bitten, sondern uns einfach selbst entschuldigen. Ein schnelles „Tschuldigung“ von dem, der sich in der Schlange vordrängelt – und weiter geht’s. Doch wer sich nicht mehr wirklich entschuldigt, der häuft Schuld an. Und wenn die zu groß wird, dann hilft nur noch das Abwälzen der Schuld. Das funktioniert im Großen wie im Kleinen. Da ist diejenige, die halblegale Tricks zum Steuersparen anwendet, und zugleich den Bürgergeldbezieher als Schmarotzer verurteilt. Da sind die Kriegsparteien, die sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation des Konflikts zuschreiben und den anderen als Kriegstreiber verurteilen. Doch steht es uns zu, solche Urteile zu fällen? Wohl kaum, wenn der vermeintliche Richter selbst Angeklagter ist. Ein wahrer Richter ist frei von Schuld, hat alle Seiten im Blick und spricht ein Urteil, das zum Leben hilft. Nur Gott ist solch ein Richter.
Für Paulus zeigt er sich hier als der Richter, dem wir nicht ausweichen können. Und als der Richter, der in Jesus Christus schon das Urteil gesprochen hat. Gottes Umkehr hin zum Menschen und in Jesu Auferstehung hin zum Leben ermöglicht uns genau diese Umkehr: hin zum Leben und hin zum Menschen. Deshalb will Gott uns zur Umkehr, zur Buße leiten. Umkehr ist das Ziel dieses scheinbar verzichtbaren Feiertages.
Denn – so fragen manche – was gibt es am Buß- und Bettag schon zu feiern? Wie an allen Feiertagen gilt es, das Leben zu feiern. Dazu ist aber diesmal zuerst eine Umkehr zum Leben dran, die vor dem Feiern kommt. Doch was braucht es zur Umkehr? Zunächst viel Zeit, um immer wieder neue Versuche zur Umkehr zu unternehmen. Denn Umkehr gelingt selten beim ersten Mal. Schließlich braucht es auch ein Ziel, dass die Umkehr erstrebenswert macht. Nur wenn ich weiß, dass die Umkehr in keine Sackgasse führt, werde ich sie wagen.
Doch Zeit und Ziel sind uns in unseren hektischen und planlosen Tagen verloren gegangen. Wie gut, dass Gott uns beides zur Verfügung stellt. Seine Güte schenkt uns das Ziel eines erfüllten und sogar ewigen Lebens. Seine Geduld lässt uns immer wieder neu die Umkehr versuchen. Sein Langmut gibt uns die Zeit, die wir brauchen, um nicht im Umkehren aufzugeben. Nicht aufzugeben – dazu hilft auch das Gebet am Buß- und Bettag. Das Vertrauen in die erfüllte Vaterunser-Bitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wer darum weiß, muss Schuld nicht mehr umkehren und abwälzen, sondern kann sich der schwierigsten Umkehr stellen: der eigenen Umkehr. Nur die kann eine Umkehr zum Leben sein. Eine Umkehr, auf die Gott wartet, der das Leben will.