Das Glasfenster im Chorraum der Kirche in Ohmenhausen zeigt Christus, den Weltenrichter, der hoch über der Welt auf dem Thron sitzt und Recht spricht über alle Menschen. Er ist zugleich Gekreuzigter, an den Wundmalen deutlich zu erkennen. Er weist den Menschen einen Platz links oder rechts von ihm zu, so wie ein Hirte die Schafe von den Ziegenböcken scheidet. Üblicherweise weideten Schafe und Ziegen tagsüber gemeinsam, wurden am Abend aber getrennt untergebracht, weil Ziegen Wärme brauchen, Schafe hingegen frische Luft. Dieses Bild ist den Hörern der Worte Jesu vertraut, es ist Alltag. Und doch ist es nicht einfach eine Trennung für die Nacht, die Jesus hier beschreibt. Er wird grundsätzlich: Der gute Hirte ist auch König und Richter. Er spricht Recht und begradigt so die Schieflagen der Welt. Nur so ist Versöhnung möglich. Nur auf der Basis seiner Gerechtigkeit kann es Gnade geben.
Richtschnur ist der Mitmensch: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Es geht um den Glauben, der ins Tun führt und im Leben Konsequenzen hat. Auch das eine Erfahrung, die Menschen zu allen Zeiten machen. Was wir tun oder auch nicht tun, hat Folgen. Für unsere Mitmenschen in Not und für uns selbst und weil uns im Mitmenschen Christus begegnet – auch für unser Verhältnis zu Gott.
Jesus schenkt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern reinen Wein ein. So wird es sein, wenn der Menschensohn wiederkommt. Der Mensch steht vor seinem Richter, das Urteil über ein Leben wird verkündet ohne Möglichkeit auf Einspruch oder Umkehr. Aber diejenigen, die Jesu Worte hören, damals wie heute, sind in einer anderen Situation, sie haben die Freiheit zu handeln. Sie sind eingeladen, sich anstecken zu lassen von der Verheißung, die denen gegeben ist, die sich redlich mühen, Jesu Worten zu folgen. Die ins Tun kommen wollen. Jesus spricht über konkretes Leid, konkrete Hilfsbedürftigkeit. Not, die ein Gesicht hat, Not, die mir begegnet, an meinem Ort. An der ich nicht vorbeischauen soll, sondern mich anrühren lassen soll.
Motivation ist dabei nicht Angst vor Strafe, sondern die Aussicht auf das Reich Gottes, das denen verheißen ist, die sich anstecken lassen von der Sehnsucht nach einer Welt, in der das Angesicht Gottes im Mitmenschen aufscheint. Doch Jesus verschweigt die Kehrseite auch nicht, denn beides gehört zusammen.
Er möchte aber, dass sich seine Jüngerinnen und Jünger anziehen lassen von der Verheißung, die denen gegeben ist, die sich um die konkrete Not kümmern, die nicht wegschauen, sondern hingehen und helfen – kleiden, besuchen, zu Essen geben, wo es nötig ist. Ihnen gilt die Zusage des guten Hirten: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“