Prälatur Reutlingen

Im Pfarrhaus brennt kein Licht

GLATTEN (Dekanat Freudenstadt) – Der Verbundkirchengemeinde Glatten geht es wie vielen ländlichen Kirchengemeinden in ­Württemberg: Für die vakante Pfarrstelle gibt es keine Bewerber. Ein Stimmungsbild. Von Waltraud Günther

Glatten Reutlingen
Waltraud Günther
Glatten hat landschaftlich viel zu bieten. Doch das allein lockt keinen Bewerber.

Pfarrerlose Kirchengemeinden gibt es immer wieder, die Dauer der Vakanzen variiert. Ist die Region attraktiv wie der Großraum Stuttgart oder Tübingen, werden Stellen schnell besetzt, ansonsten können sich Vakanzen im Einzelfall lange hinziehen, so Kirchenrat Dan Peter, Sprecher der Evangelischen Landeskirche. Bei einer Neubesetzung spielen zudem neben der inhaltlichen Attraktivität der freien Stelle biografische Faktoren des Bewerbers eine wichtige Rolle. Mitunter kommt es vor, dass Gemeinden mehr als zwei Jahre warten müssen, ehe in ihrem Pfarrhaus wieder Licht brennt.

Auch das Pfarrhaus der Verbundkirchengemeinde Glatten im Schwarzwald ist seit einiger Zeit verwaist. Nachdem Pfarrer Reinhard Sayer Mitte Mai in den Ruhestand verabschiedet wurde, war bis Ende Juli ein junger Pfarrer für die Gemeinde zuständig. Übergangsweise wurde die freie Pfarrstelle in Glatten nun seit September zumindest zur Hälfte durch eine Pfarrerin zur Dienstaushilfe (PDA) besetzt, die eine Teilzeitstelle hat. Allerdings haben beide „Übergangspfarrer“ ihren Wohnsitz nicht in die Gemeinde verlegt.

Wie gehen die Gemeindemitglieder in Glatten, Neuneck und Böffingen sowie der Verbundkirchengemeinderat damit um, dass bisher alle Ausschreibungen erfolglos blieben? Wie hat sich seither das Gemeindeleben verändert?

Karl-Heinz Kübler
Foto: Waltraud Günther
Kirchengemeinderat Karl-Heinz Kübler hat derzeit viel zu tun.

Wie der zweite Vorsitzende des Verbundkirchengemeinderates, Karl-Heinz Kübler, berichtet, „läuft auf der Oberfläche soweit alles glatt. Unsere vielen Gruppen und die Kreise gehen einfach weiter.“ Es sei, so Kübler, gelungen, der Gemeinde klarzumachen, „dass unsere Kirche eine gesellschaftliche und soziale Aufgabe erfüllt und wir jetzt alle zu­sammenhalten müssen“. Auch Glattens ehemaliger Pfarrer kann sich durchaus einige positive Auswir­kungen einer pfarrerlosen Zeit vorstellen: „Möglicherweise können das Ehrenamt und die Gaben in einer Gemeinde in besonderer Art und Weise geweckt werden“, sagt Reinhard Sayer. Wobei er zu bedenken gibt, dass Ehrenamtliche in ihrem Engagement nicht alleinegelassen, sondern stetig ermutigt und unterstützt werden müssen, durch wen auch immer.

Dass andererseits aber Seelsorge und Zurüstung der Gemeindemitglieder nicht so einfach delegierbar sind, zeigt sich sowohl in den Ausführungen von Kübler und Sayer und wird auch deutlich in vielen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern. Schmerzlich beklagen da viele, dass bei Trauerbesuchen und Beerdigungen der jeweilige Vertretungspfarrer weder die Verstorbenen noch deren Angehörigen kenne.

Traurig beklagen Se­nioren, dass zu ihrem runden Geburtstag oder Ehejubiläum kein Pfarrer mehr kommt. Eine Klage, die sich auch Kübler oft anhören muss: „Zwar gibt es bei uns einen Besuchsdienst, aber die alten Menschen freuen sich einfach darauf, Besuch vom Pfarrer selbst zu bekommen. Ob zuhause oder im Krankenhaus.“ Aber auch andere Termine beschäftigen die Gemeindemitglieder einer pfarrerlosen Gemeinde: „Wer konfirmiert denn nun unsere Paula?“ oder ganz banal „Wer predigt eigentlich am Sonntag?“ Dabei macht die kritische Frage „Weshalb bezahlen wir überhaupt noch Kirchensteuer?“ deutlich, welche Bedeutung der Pfarrer vor Ort für viele Menschen hat. So scheint es viele zu verunsichern, wenn es keinen verlässlichen Pfarrer vor Ort gibt, den man kennt, dem man vertraut und von dem man annimmt, dass er auch nächstes Jahr noch hier seinen Dienst tun wird. „Jeder Flecken braucht eine Pfarrfamilie“, fasst Kübler diese Sorgen zusammen.

Wobei es der Glattener Verbundkirchengemeinde dabei noch relativ gut geht, weil sie eine Jugendreferentin (mit 66 Prozent Stellenanteil) auf Spendenbasis angestellt hat. Diese engagiert sich sehr in der Betreuung der Jugendmitarbeiter und im Konfirmandenunterricht. Aber auch das leerstehende Pfarrhaus beschäftigt die Gemeinde: Wie geht es damit weiter? Wie lange kann und darf angesichts der aktuellen Wohnungsnot die Kirchengemeinde die – große und schöne – Pfarrwohnung leer stehen lassen? Berechtigte Fragen, da sowohl der Pfarrplan 2030 als auch der Rückgang der Theologie-Studierenden um 23 Prozent wenig Hoffnung machen, dass die Pfarrstelle schnell besetzt werden kann.

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