Prälatur Reutlingen

Öffnung für die Nachbarschaft

HERRENBERG – Das Wiedenhöfer-Stift ist seit den 1980er-Jahren ein Pflegeheim der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal. Doch mit dem Neubau, der kürzlich bezogen wurde, hat eine neue Ära begonnen. Jetzt wird das ganze Quartier einbezogen. Von Wolfgang Albers

Reutlingen
Wolfgang Albers
Der alte Bau

Unten rumpeln noch die Bagger, oben machen die Bewohner schon Gymnastik. Das Wiedenhöfer-Stift in Herrenberg ist inzwischen in Betrieb gegangen – ein großer weißer Kubus, das Heim für 90 Menschen, die Pflege benötigen. Es ist ein Neubau der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal – und im Grunde das Althergebrachte: nämlich diakonischer Dienst, der sich diese Schwesternschaft seit 1913 widmet. Damals wurde hier in Herrenberg der „Verband für besoldete Krankenpflegerinnen von christlicher Gesinnung“ gegründet.

Es ist viel passiert

Unter anderem gab es den Zusammenschluss mit der Korntaler Schwesternschaft. Sehr summarisch aber lässt sich sagen: Dieser Verband (der jetzt die Rechtsform eines Vereins hat) ist eine feste Größe in der württembergischen Diakonie geworden. So gab es Zeiten, da lag die Pflege im Stuttgarter Robert Bosch Krankenhaus komplett in den Händen der Schwesternschaft, bis hinauf zur Direktorin.

Noch heute sind Schwestern dort, aber über die Jahre hat sich der Schwerpunkt verschoben: von der Kranken- zur Altenpflege. Auch, weil in unserer alternden Gesellschaft dafür immer mehr Bedarf besteht. Neun Pflegeheime leitet die Schwesternschaft.

 

Wolfgang Albers
Das Treppenhaus im Altbau ist ein Ort der Begegnung.

Von Anfang an hat sie das auch in Herrenberg getan. Dort, am südlichen Stadtrand, hat die Schwesternschaft ein großes Areal, und von 1934 an gehörte mit dem „Haus Abendruhe“ ein Heim für alte Leute dazu. Dieses Haus hat etliche Wandlungen mitgemacht, so kam auch in Kooperation mit dem Landkreis im Jahr 1983 ein Anbau dazu, und der ganze Heimkomplex hieß später Wiedenhöfer-Stift.

„Fast ein Feriendorf“, lobte die Lokalzeitung damals die Architektur. Und auch heute kann man anerkennen: Man hat sich schon Mühe gegeben. Die Fassade ist vielfach gegliedert, im Inneren ist das Treppenhaus großzügig als Atrium gestaltet, und überall kaschiert Holz den Beton.

 

Bandschutz war das Problem

Aber das ist heute ein Problem. Holz brennt nun mal gut – nach heutigen Bestimmungen fehlt etliches an Brandschutz. Zudem haben sich viele andere Bestimmungen geändert: So sind Doppelzimmer nicht mehr statthaft. Das Haus stand schlicht vor dem Verlust der Betriebserlaubnis. Ein Umbau, das zeigten die Kalkulationen, hätte die Schwesternschaft überfordert. Auch wenn es ein finanzieller Kraftakt war: Die Gemeinschaft entschloss sich zu einem Neubau. Weil Diakonie sozusagen die DNA der Schwesternschaft ist.

Möglich wurde das nur, weil der Grund ihr schon gehörte und weil der Verkauf einiger Wohnungen den finanziellen Grundstock schuf. So entstand das neue Wiedenhöfer-Stift, ein heller, freundlicher Bau, der besonderen Wert auf große Gemeinschaftsflächen legt. Die sind in einheitlichen Farben gehalten, bis hin zu den Möbeln, um den Bewohnerinnen und Bewohnern hier, manchmal durch Demenz eingeschränkt, optisch ein beruhigendes Gefühl zu geben, immer auf vertrautem Terrain zu sein.

 

Wolfgang Albers

Der Neubau, so schön er ist, ist nicht einmal das Besondere. Sondern das Konzept für das ganze Gelände: Nach und nach werden Altbauten durch neue ersetzt, für unterschiedliche Zwecke wie etwa das betreute Wohnen. Dabei geht es nicht nur um neue Immobilien. Das ganze Gelände, das mittlerweile komplett von Wohngebieten umgeben ist, soll ein Quartier werden, das die Nachbarschaft einbindet. Etwa mit einem Park und Wegen, die sich zur Umgebung öffnen.

Das ist nichts Neues für die Schwesternschaft (die übrigens auch Brüder in ihren 360 Menschen starken Reihen hat). So haben sie ihre sogenannte Mutterkirche längst zur Pfarrkirche für die Umgebung gemacht, und für ihr Heim sind sie viele Kooperationen mit Vereinen und Ehrenamtlichen eingegangen. Das Café des Wiedenhöfer-Stiftes ist deshalb sieben Tage offen und ein beliebter Treff für die Nachbarschaft.

Das geplante Quartier soll unterschiedliche Wohnformen bieten, aber auch Angebote der Betreuung und Pflege, mit einem Ziel: „Selbstbestimmt in der eigenen Häuslichkeit und in gewachsenen sozialen Strukturen alt werden.“ Und es sollen so unterschiedliche Angebote gemacht werden, dass das Quartier kein Alten-Ghetto wird: „Ziel ist ein Leben in Gemeinschaft, insbesondere eine generationenübergreifende Gemeinschaft.“ Also: Auch ein Kinderspielplatz gehört dazu.

 

Noch ist das Zukunftsmusik. Bis die letzten Bauten realisiert sind, wird es mindestens 2028 sein. Aber: Wenn man sieht, wie entschlossen die Schwesternschaft schon den Neubau des Pflegeheimes gestemmt hat, darf man voller Optimismus abwarten.

Weitere Artikel aus der Prälatur Reutlingen