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Prälatur Reutlingen

Walter Bingham: Ein Zeitzeuge kehrt zurück

BAD LIEBENZELL – Er ist unglaubliche 102 Jahre alt und kein bisschen müde: Auf Einladung des Hilfswerks Zedakah und des Projekts Papierblatt sprach der Holocaust-Überlebende Walter Bingham über sein langes Leben und die Flucht aus Deutschland.  Von Andreas Steidel

Walter Bingham sitzt in einem Sessel. Er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Blazer und eine Mütze. Reutlingen
Foto: Andreas Steidel

Ein Zeitzeuge füllt mit 102 Jahren die Bühne

Wer immer die Befürchtung hatte, dass ein 102-Jähriger einen langen Gesprächsabend auf der Bühne nicht durchhalten würde, sollte eines Besseren belehrt werden. „Ich könnte hier noch lange weiterreden, aber er lässt mich ja nicht“, sagte Bingham in allerbestem Deutsch und mit viel Augenzwinkern an die Adresse des Moderators. Da war es schon 21.30 Uhr und der Talkgast fast zwei Stunden auf der Bühne.

Kindheit in Karlsruhe und die plötzliche Ausgrenzung

Der große Saal im IP-Zentrum des Israel-Hilfswerks Zedakah war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle waren neugierig auf einen Zeitzeugen, der zu den Allerletzten seiner Generation gehört: Am 5. Januar 1924 als Wolfgang Billig in Karlsruhe geboren, war er knapp der Vernichtung durch die Nazis entkommen.

Seine Familie war jüdisch, aber das spielte in der Weimarer Republik ­eigentlich keine Rolle. „Doch mit ­einem Schlag änderte sich die Stimmung. Ich kam im Unterricht nicht mehr dran und musste allein hinten sitzen.“ Gebannt lauscht das Pub­likum in Bad Liebenzell-Maisenbach den Worten des alten Herrn. Er spricht sie mit fester Stimme, eloquent und mit präzisen Formulierungen – und das obwohl er seit dem 25. Juli 1939 nicht mehr in Deutschland lebt.

Flucht nach England: Ein Kind allein auf dem Weg ins Exil

Es war der Tag, als er mutterseelenallein nach England aufbrach. Die Briten hatten die Aufnahme von 10.000 jüdischen Kindern und Jugendlichen zugesichert – ohne Begleitung der Eltern. Seine Mutter würde Wolfgang Billig, der sich nun Walter Bingham nannte, erst sieben Jahre später wiedersehen. Den Vater überhaupt nicht mehr, er starb 1943 im Warschauer Ghetto.

Soldat, Journalist, Zeitzeuge: Ein außergewöhnliches Leben

Bingham wurde englischer Soldat, diente zunächst als Rotkreuzfahrer und nach dem Krieg als Dokumentenexperte und Vernehmungsbeamter. Eines Tages saß ihm auch der ehemalige NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop gegenüber. Bingham fragte ihn nach den Judenmorden und bekam zur Antwort, dass er, der Außenminister, erst aus der Zeitung davon erfahren habe.

Ich dachte, ist der bescheuert, was erzählt der mir für einen Quatsch

sagt Bingham heute über seine Begegnung mit Joachim von Ribbentrop

Der 102-Jährige spricht druckreif, als ob er ein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Ein wenig ist das ja auch so: Walter Bingham arbeitete für Zeitungen, den Rundfunk und gilt heute als ältester noch aktiver Journalist und Radiomoderator der Welt. Mit 94 Jahren machte er seinen ersten Fallschirm-Tandemsprung, mit 99 wiederholte er ihn.

Ungebrochene Energie: Ein Mann, der nicht stehen bleibt

Als ihn seine beiden Nebensitzer auf dem Weg von der Bühne stützen wollen, bemerkt er nur trocken: „Einer reicht.“ Vermutlich hätte er es auch ganz alleine geschafft. Als er am Vortag gegen Mitternacht in Bad Liebenzell ankam, saß er nachts noch geschlagene zwei Stunden in der Lobby, um mit seinen Begleitern zu plaudern. Sein Smartphone bedient er so selbstverständlich, als ob er damit groß geworden wäre.

Neuanfang in Israel: Heimat finden im hohen Alter

65 Jahre lang hat Walter Bingham in England gelebt. Wurzeln geschlagen hat er dort nie, und so wagt er mit 80 Jahren noch einmal einen Neuanfang: Als seine Frau stirbt, geht er 2004 mit seiner Tochter nach Israel und lebt seither in der Altstadt von Jerusalem. „Hier“, sagt er, „bin ich jetzt wirklich zu Hause.“ Auch wenn es ihm zugegeben schwerfällt, Hebräisch zu lernen: „Aber mit Englisch kommt man hier durch.“

Erinnern und Gedenken in Karlsruhe

Beide Großväter von Walter Bingham sind in Karlsruhe begraben, Bingham besuchte ihre Gräber bei seinem Besuch in Karlsruhe. Er hielt auch inne vor dem Stolperstein für seinen Vater Sigmund Billig, der einst in der Kaiserstraße 212 gewohnt hatte.

Walter Bingham sitzt in einem Sessel. Er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Blazer und eine Mütze. Neben ihm sitzen drei junge Frauen.
Foto: Andreas Steidel
Walter Bingham liebt den Austausch mit jungen Menschen.

Ein Appell an die Gegenwart: Verantwortung übernehmen

Verbittert wirkt Walter Bingham nicht, hat sich irgendwie trotz aller Schicksalsschläge nie unterkriegen lassen. „Für mich ist es eine Ehre, dass der Saal so voll ist“, sagt er am Anfang seiner Ausführungen. Er ­genießt, ganz Medienmensch die Aufmerksamkeit, hat sogar schon in einer kleinen Rolle bei Harry Potter mitgespielt.

Damit das Böse Erfolg hat, braucht es viele gute Menschen, die nichts tun. Stehen Sie nicht daneben, erheben Sie Ihre Stimme

sagt Walter Bingham

Ein Abend der Versöhnung: Gebet, Gesang und Begegnung

Das tun an diesem Abend die Zuschauer, gemeinsam im Gesang und Gebet. Der Psalm 43 wird auf Deutsch und auf Hebräisch gesprochen, Mordechai Mendelson, Rabbiner aus Karlsruhe, gehört zu den Gästen. Die ­Zeichen stehen auf Frieden und Versöhnung, gerade in diesen Zeiten.

Stehend singen schließlich alle das israelische Friedenslied „Ose Shalom Bimromav“, Walter Bingham selbstverständlich auch, der zum Schluss noch eine Kerze entzündet und mit Studierenden der Interna­tionalen Hochschule in Bad Liebenzell ins Gespräch kommt. So anstrengend war das Programm auf der Bühne ja nun auch nicht – und außerdem gibt es ja noch so viel zu erzählen.

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