Ein Zeitzeuge füllt mit 102 Jahren die Bühne
Wer immer die Befürchtung hatte, dass ein 102-Jähriger einen langen Gesprächsabend auf der Bühne nicht durchhalten würde, sollte eines Besseren belehrt werden. „Ich könnte hier noch lange weiterreden, aber er lässt mich ja nicht“, sagte Bingham in allerbestem Deutsch und mit viel Augenzwinkern an die Adresse des Moderators. Da war es schon 21.30 Uhr und der Talkgast fast zwei Stunden auf der Bühne.
Kindheit in Karlsruhe und die plötzliche Ausgrenzung
Der große Saal im IP-Zentrum des Israel-Hilfswerks Zedakah war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle waren neugierig auf einen Zeitzeugen, der zu den Allerletzten seiner Generation gehört: Am 5. Januar 1924 als Wolfgang Billig in Karlsruhe geboren, war er knapp der Vernichtung durch die Nazis entkommen.
Seine Familie war jüdisch, aber das spielte in der Weimarer Republik eigentlich keine Rolle. „Doch mit einem Schlag änderte sich die Stimmung. Ich kam im Unterricht nicht mehr dran und musste allein hinten sitzen.“ Gebannt lauscht das Publikum in Bad Liebenzell-Maisenbach den Worten des alten Herrn. Er spricht sie mit fester Stimme, eloquent und mit präzisen Formulierungen – und das obwohl er seit dem 25. Juli 1939 nicht mehr in Deutschland lebt.
Flucht nach England: Ein Kind allein auf dem Weg ins Exil
Es war der Tag, als er mutterseelenallein nach England aufbrach. Die Briten hatten die Aufnahme von 10.000 jüdischen Kindern und Jugendlichen zugesichert – ohne Begleitung der Eltern. Seine Mutter würde Wolfgang Billig, der sich nun Walter Bingham nannte, erst sieben Jahre später wiedersehen. Den Vater überhaupt nicht mehr, er starb 1943 im Warschauer Ghetto.
Soldat, Journalist, Zeitzeuge: Ein außergewöhnliches Leben
Bingham wurde englischer Soldat, diente zunächst als Rotkreuzfahrer und nach dem Krieg als Dokumentenexperte und Vernehmungsbeamter. Eines Tages saß ihm auch der ehemalige NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop gegenüber. Bingham fragte ihn nach den Judenmorden und bekam zur Antwort, dass er, der Außenminister, erst aus der Zeitung davon erfahren habe.
Ich dachte, ist der bescheuert, was erzählt der mir für einen Quatsch
sagt Bingham heute über seine Begegnung mit Joachim von Ribbentrop
Der 102-Jährige spricht druckreif, als ob er ein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Ein wenig ist das ja auch so: Walter Bingham arbeitete für Zeitungen, den Rundfunk und gilt heute als ältester noch aktiver Journalist und Radiomoderator der Welt. Mit 94 Jahren machte er seinen ersten Fallschirm-Tandemsprung, mit 99 wiederholte er ihn.
Ungebrochene Energie: Ein Mann, der nicht stehen bleibt
Als ihn seine beiden Nebensitzer auf dem Weg von der Bühne stützen wollen, bemerkt er nur trocken: „Einer reicht.“ Vermutlich hätte er es auch ganz alleine geschafft. Als er am Vortag gegen Mitternacht in Bad Liebenzell ankam, saß er nachts noch geschlagene zwei Stunden in der Lobby, um mit seinen Begleitern zu plaudern. Sein Smartphone bedient er so selbstverständlich, als ob er damit groß geworden wäre.
Neuanfang in Israel: Heimat finden im hohen Alter
65 Jahre lang hat Walter Bingham in England gelebt. Wurzeln geschlagen hat er dort nie, und so wagt er mit 80 Jahren noch einmal einen Neuanfang: Als seine Frau stirbt, geht er 2004 mit seiner Tochter nach Israel und lebt seither in der Altstadt von Jerusalem. „Hier“, sagt er, „bin ich jetzt wirklich zu Hause.“ Auch wenn es ihm zugegeben schwerfällt, Hebräisch zu lernen: „Aber mit Englisch kommt man hier durch.“
Erinnern und Gedenken in Karlsruhe
Beide Großväter von Walter Bingham sind in Karlsruhe begraben, Bingham besuchte ihre Gräber bei seinem Besuch in Karlsruhe. Er hielt auch inne vor dem Stolperstein für seinen Vater Sigmund Billig, der einst in der Kaiserstraße 212 gewohnt hatte.