Prälatur Reutlingen

Wie vom Himmel geschickt

MERKLINGEN-MÜNKLINGEN-HAUSEN (Dekanat Leonberg) – Nicht nur alte Menschen sind einsam. Doch weil ihr Radius oft beschränkt ist, trifft es sie besonders hart. In der Würmtalgemeinde gibt es deshalb ein besonders Angebot: den „Nachbarschaftsengel“ Ulrike Brand.

Reutlingen
unsplash/Centre for Ageing Better
Das hilft gegen Einsamkeit: Gemeinsame Aktivitäten oder einfach nur Zuhören.

Wir haben seit einem Jahr ein neues Projekt in unserer Gemeinde, den Nachbarschaftsengel, eine Art Gemeindeschwester 2.0.

Pfarrer Georg Hardecker

 

 

Pressebild/Cedric Heinrich
Pfarrer Georg Hardecker

In seiner Gemeinde bestehe ein Betreuungs- und Seelsorgebedarf, der durch Pfarrer und das ehrenamtliche Seelsorge-Team nicht abgedeckt werden könne, so der Pfarrer der Würmtalgemeinde. Pflegebedürftige Menschen würden von der Sozialstation betreut, akute Seelsorge durch den Pfarrer übernommen. Darüber hinaus aber gebe es eine ständig wachsende Zahl zuwendungsbedürftiger Menschen, für die es keine klare Ansprechperson gebe, so Pfarrer Hardecker.

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Gemeinschaft fehlt vielen Menschen im Alter.

Auch Anna L., die in Wirklichkeit anders heißt, gehörte dazu. Seit ihr Ehemann gestorben ist, ist sie sehr allein. Die vitale 87-jährige Dame weiß, dass Ulrike Brand darüber schweigen kann, wenn sie ihr aus ihrem reichen, schönen, aber auch traurigen Leben erzählt. Zweimal schon hat die früher fest in der Gesellschaft stehende Dame ihren Lebenspartner verloren. Sie vermisst „das Du“ in ihrem Leben. Jemanden, mit dem sie den Gutenmorgengruß teilen kann. Das Essen, die Nachrichten, die ins Haus flattern, die Grüße der erwachsenen Kinder.

„37 Jahre lang war Backnang der Mittelpunkt meines Lebens“, erzählt Frau L. Dann kam sie nach Merklingen, dockte an, auch in der örtlichen Kirchengemeinde. Nun ist sie zurückgegangen nach Backnang, eine Wohnung im Betreuten Wohnen hat sie bezogen. Mitgenommen hat sie „all diese guten Jahre in Merklingen, ich hab sie in meinem Herzen“, sagt die 87-Jährige. Dazu zählt auch der Nachbarschaftsengel Ulrike Brand.

 

Foto: Brigitte Jähnigen
Für Ulrike Engel ist ihre Arbeit Glaubenssache.

Die 68-Jährige ist Diplom-Sozialpädagogin. Nach einem intensiven Arbeitsleben hat sie kurz pausiert. Und als sie die Stellenausschreibung der evangelischen Kirchengemeinde Merklingen las, wusste sie, dass das genau das Richtige für sie ist. „Es bröselt in der Gesellschaft“, sagt sie. Nicht nur für Menschen, die in früheren Jahrzehnten treue Gemeindemitglieder gewesen sind, in Familie und Berufsleben fest verankert und im Kirchengemeinderat -gestaltend tätig waren, müsste eine Kultur etabliert werden, die ihnen zeigt, dass sie nicht vergessen seien, sagt Pfarrer Hardecker. „Seitdem ich nicht mehr kann, fragt keiner nach mir“ – diesen Vorwurf wollte man in der Würmtalgemeinde nicht aushalten. Und es sei auch ein falsches Verständnis von Kirche, wenn „die Kirche“ nur der Pfarrer sei.

Das Spektrum der Gemeindeangebote steht Familien mit und ohne Kinder, Heranwachsenden, jungen Erwachsenen und Älteren offen. Doch irgendwann klappt es nicht mehr: der Gang zum Gottesdienst, zum gemeinsamen Mittagessen im Gemeindehaus, zur Gemeindefreizeit, zum Kirchenkonzert. Ulrike Brand, der Nachbarschaftsengel, besucht, hört zu, telefoniert, betet, berät, unterstützt, transportiert auch mal einen Koffer, nutzt das breit angelegte kirchliche und soziale Netzwerk, damit Menschen nicht vereinsamen. „Ach, Sie sind ein -Engel“, hat dann schon mancher oder manche dankbar geseufzt.

Für Ulrike Brand ist ihr Job (fünf Stunden in der Woche) auch eine Glaubenssache. „Wenn wir irgendwohin gehen, ist Gott schon da“, ist sie überzeugt. Ihr offenes Ohr bringt sie immer mit, wenn sie mit ihrem E-Bike unterwegs ist. Es ist auch eine Art, auf den Rückgang der Pfarrstellen zu reagieren, den Zuwendungsbedarf, den die Sozialstationen nicht decken könnte, auszugleichen. Finanziert wird die Stelle vom Krankenpflegeverein der Würmtalgemeinde.

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