Direkt zum Inhalt
Prälatur Reutlingen

Wissenschaft trifft Kirche im Science Club

SCHÖNAICH – In Schönaich bei Böblingen gibt es eine ungewöhnliche kirchliche Gruppe: den Science Club, der sich mit wissenschaftlichen Themen wie Quantenmechanik und molekularer Evolution beschäftigt. Von Wolfgang Albers

Eine grüne Tafel mit mathematischen Formeln. Reutlingen
Unsplash/Artturi Jalli

Science Club Schönaich: hier trifft Kirche auf Wissenschaft 

Der Beta-Zerfall der Elementarteilchen, die Dunkle Energie und die Dunkle Materie – das sind keine biblischen Begriffe, haben zunächst einmal nichts mit Religion zu tun, sondern spielen in der Welt der Teilchen- und Astrophysik eine Rolle.

Wenn aber Professor Josef Jochum vom Kepler-Institut für Astro- und Teilchenphysik der Universität Tübingen darüber in Schönaich referiert – dann tut er das in einem kirchlichen Kontext: im Science Club (Wissenschaftsclub) der evangelischen Kirchengemeinde Schönaich.

Foto: Wolfgang Albers
Andreas Rebmann

Der Science Club der Kirchengemeinde: Ein ungewöhnlicher Ort für Forschung

Zum Science Club gehört Andreas Rebmann. Schönaicher sein Leben lang, war er als Computer-Spezialist tätig. Oder Dieter Roller, der bei IBM gearbeitet hat. Die beiden gehören zu einem rund fünfköpfigen Team, das sich in Stuttgart bei einem Science Pub kennengelernt hat: Da wurde in der Kneipe mal nicht über Fußball debattiert, sondern über Themen aus der Wissenschaft. Das könnte man doch auch bei uns in Schönaich ­machen, sagten sich die beiden.

Statt in die Kneipe lud der Kreis ins evangelische Gemeindehaus. Statt Pub hieß es dann Club. Aber ja, Bier gab und gibt es auch (zudem Nicht­alkoholisches), sogar einen eigenen Bierdeckel haben die Clubler kreiert. Zum Start, das war am 26. Februar 2018, stieg Dieter Roller selber sozusagen in die Bütt – mit einem Vortrag über Statistik.

Foto: Wolfgang Albers
Dieter Roller

Glaube und Wissenschaft: Die Köpfe hinter dem Schönaicher Wissenschaftsformat

Aber ist das noch Kirche? Ja, es gab schon auch Diskussionen im Kirchengemeinderat. Doch die beiden hatten ein gutes Rückgrat und sind keine Exoten von außerhalb. Man muss wahrscheinlich lange suchen, um jemanden so kirchlich Sozialisierten zu finden wie Dieter Roller. Der 78-Jährige blickt seit seinem CVJM-Eintritt mit 14 Jahren auf eine beständige kirchliche Mitarbeit zurück, vom Kirchengemeinderat bis zur Diakonie, wo er immer noch engagiert ist. Auch Andreas Rebmann hat da etliches aufzuweisen.

Kirche, sagt Andreas Rebmann, hat eben nicht nur Verkündigung und Diakonie als Aufgabe, sondern ist auch in der Erwachsenenbildung engagiert – wofür der Science Club steht. Der noch in Zeiten schwindender Kirchenbindung eine wichtige Rolle erfüllt:

Das ist ein niederschwelliges Angebot, damit die Leute den Kontakt zur Kirche nicht verlieren. Wenn sie nicht mehr ins Gemeindehaus kommen, gehen sie auch nicht mehr in die Kirche

sagt Andreas Rebmann

Der Science Club in Schönaich

Auf der Seite der Kirchengemeinde Schönaich im „Kultur Live Programm” erhält man Einblicke in die ­Vortragsabende des Science Clubs.

Der Science Club bringt Menschen ins Gemeindehaus

Das Konzept geht auf. Die Abende sind gut besucht, der Veranstaltungs-Newsletter geht an rund 200 Leute raus, und so 50 bis 60 kommen dann schon. Zu Vorträgen, die Titel haben wie „Studien zur molekularen Evolution“, „Die seltsame Welt der Quantenmechanik“ oder „Minimalinvasive Techniken in der Unfallchirurgie“.

Hochkarätige Referenten: Nobelpreisträger in Schönbuch

Also es geht zur Sache – und das hochkarätig: Die Referenten (tatsächlich meist Männer) haben einen Namen in der Wissenschaft, sind Professoren, Chefärzte, Institutsleiter. Da ist dann auch schon mal ein Nobelpreisträger wie Klaus von Klitzing dabei.

Dieter Roller hat keine Scheu vor großen Namen – und bekommt sogar meist eine Zusage. Obwohl er ganz offen schreibt: Honorar könne man nicht bieten. „Aber interessierte Zuhörer“. Und das ziehe vielleicht, vermutet er: „Mal keine gelangweilten Studenten.“ Sondern auch ein lebhaft nachfragendes Publikum, auf das die Referenten sich auch allgemeinverständlicher einlassen.

Und wenn dann ein Klaus von Klitzing nach dem Vortrag nicht gleich wieder abrauscht, sondern eine Flasche Bier aufmacht und sich noch zu den Leuten setzt – ja, dann haben die Organisatoren wohl auch den richtigen Riecher mit ihrem Science Club.

Gesellschaftliche Debatten im Science Club

Der über das Technische hinaus zu ethischen oder religiösen Fragen verleitet. Mit dem evolutionären Weltbild etwa tut sich ja nicht jeder leicht. Roboter waren mal ein Thema, oder KI. Was hat das für ­gesellschaftliche Folgen? Eine Professorin des Institutes für Rechtsextremismusforschung wird ebenfalls zur aktuellen Debatte beitragen.

Am Ende gehen die Vortragenden doch nicht ganz leer nach Hause, eine Flasche Wein gibt es schon. Und das Publikum zahlt nicht nach Preisliste, sondern wirft etwas ins Kässle. Da bleibt dann doch ein Überschuss – und der kommt wieder der Kirchengemeinde zugute. Momentan für die Laurentiuskirche, ein neugotischer Bau an einem Turm des 13. Jahrhunderts. Sie wird renoviert – und zu den Kosten trägt nun auch der Science Club seinen Teil bei.

Weitere Artikel aus der Prälatur Reutlingen