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Prälatur Stuttgart

Brailleschrift lernen: Wie blinde Kinder mit den Fingern lesen

STUTTGART – Blinde Kinder lernen Lesen und Schreiben am Betty-Hirsch-Schulzentrum nicht mit den Augen, sondern mit den Fingerspitzen. Von Judith Kubitscheck (epd)

Zwei blinde Schüler sitzen mit ihrer Lehrerin im Klassenzimmer und lesen die Brailleschrift. Stuttgart
epd-bild/Thomas Niedermüller

Viele Erstklässler sind neu in die Schule gestartet und üben ihre ersten Buchstaben. Doch nicht alle Schulanfänger lesen und schreiben die normale „Schwarzschrift”. Blinde Kinder lernen die Brailleschrift und das braucht besonders viel Training.

Brailleschrift lernen: Mit den Fingern lesen üben

Mit flinken Fingern tastet Michail über das mit erhabenen Punkten übersäte Papier. Die rechte Hand fühlt, die linke Hand folgt und sorgt dafür, dass er nicht in der Zeile verrutscht. Michail besucht das Betty-Hirsch-Schulzentrum der Nikolauspflege in Stuttgart für Kinder und Jugendliche mit und ohne Sehbeeinträchtigung. Als blinder Junge lernt er ebenso wie sein sehbeeinträchtigter Klassenkamerad Gabriel die Brailleschrift.

Man muss üben, die Punkte zu unterscheiden, weil sich manche Buchstaben ähneln.

erklärt Schüler Michail

Michail sitzt am Computer und schreibt mit der Computerbrailleschrift.
epd-bild/Thomas Niedermueller
Der elfjährige Michail lernt auch die „Computerbrailleschrift“.

So sind die Punkte der Brailleschrift angeordnet

Ein Standardzeichen der traditionellen Brailleschrift besteht aus bis zu sechs Punkten, die in zwei senkrechten Spalten mit je drei Punkten angeordnet sind, wie die Klassenlehrerin Dorothea Mühlpointner erklärt. Außerdem sind sie durchnummeriert: In der linken Spalte sind es von oben nach unten die Punkte von eins bis drei, in der rechten Spalte folgen die Punkte vier bis sechs.

Mit Braille und Sprachausgabe am Computer arbeiten

Aus diesen sechs Punkten ergeben sich verschiedene Kombinationen für Buchstaben, Zahlen oder Satzzeichen. Für digitale Anwendungen am Computer gibt es zudem eine Erweiterung, damit alle alle Zeichen auf der Tastatur dargestellt werden können. Eine Sprachausgabe hilft ihnen bei ihrer Arbeit am PC.

Mehr Zeit zum Lernen: Warum blinde Kinder länger brauchen

Damit die Schülerinnen und Schüler ohne Zeitdruck die Brailleschrift, die Orientierung mit dem
Blindenstock und den Umgang mit technischen Hilfsmitteln wie der Braille-Zeile erlernen können, haben sie ein Grundschuljahr mehr als sehende Kinder.

Das Erlernen der Brailleschrift dauert definitiv länger als die normale 'Schwarzschrift', wie wir sie nennen.

sagt Klassenlehrerin Dorothea Mühlpointner

Die Aufnahme zeigt ein weißes Blatt mit der Brailleschrift und zwei Hände, die die Schrift ertasten.
epd-bild/Thomas Niedermueller
Die Brailleschrift wurde im Jahre 1825 von dem Franzosen Louis Braille entwickelt.

Brailleschrift spielerisch lernen und ertasten

Am Betty-Hirsch-Schulzentrum gibt es einen sogenannten „Punktschriftraum”. Dort finden sich Materialien und moderne Lernhilfen zum Üben der Brailleschrift. Am Anfang müssen die Kinder lernen, mit den Fingerkuppen verschiedene Materialoberflächen zu unterscheiden. Sie üben spielerisch, dieselben Muster oder Buchstaben zu finden. Oder sie nehmen ein Bücher zur Hand, bei dem es passend zum Text Bilder zum Erfühlen gibt.

Vom Punktschriftraum in den Beruf: Digitale Fähigkeiten trainieren

Ältere Schüler üben im Punktschriftraum ihren Umgang mit dem Computer, und lernen, Dokumente zu öffnen oder eine Präsentation zu erstellen. Außerdem lernen sie mit Karteikärtchen eine steno-ähnliche Kurzschrift mit 300 Abkürzungen zu üben, die hilft, schneller zu schreiben und Platz zu sparen. All dies kann ihnen im späteren Berufsleben helfen.

Michail und Gabriel laufen durch die Schule mit ihrem Blindenstock.
epd-bild/Thomas Niedermueller
Gabriel (li.) und Michail (re.), besuchen das Betty-Hirsch-Schulzentrum der Nikolauspflege in Stuttgart.

Alltag ohne Barrieren: Mehr Brailleschrift für blinde Menschen

Die beiden Schüler Michail und Gabriel würden sich wünschen, dass es in der Öffentlichkeit mehr Punktschrift gibt, etwa in Aufzügen oder auf Müsliverpackungen. Zudem hoffen sie, dass die Gesellschaft mehr Rücksicht auf blinde Menschen nehmen würde.

In manchen Bussen gibt es nicht einmal einen Stopp-Knopf mit Punkteschrift.

bemängelt Schüler Gabriel

Über die Nikolauspflege: 

Die Nikolauspflege ist eine Stiftung, die Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist. Sie wurde 1856 durch Königin Olga gegründet und hilft blinden, sehbehinderten und mehrfach behinderten Menschen durch die Förderung schulischer und beruflicher Bildung sowie bei der gesellschaftlichen und beruflichen Teilhabe – unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung.

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