Frieden ist ein großes Wort. Aber nicht leicht zu üben. Wie sagte Friedrich Schillers Wilhelm Tell: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
Da haben wir’s. Der andere ist schuld. Das ist manchmal richtig. Im „Wilhelm Tell“ geht es immerhin um den tyrannischen kaiserlichen Landvogt, der die freiheitsliebenden Eidgenossen bedrängt. Oft ist der Nachbar aber eine bequeme Ausrede, die kennen wir schon aus dem Sandkasten. „Der hat angefangen!“
Frieden üben. Wie sieht das eigentlich vor meiner eigenen Haustür aus? Wenn ich ehrlich bin: In Konflikten ärgere ich mich oft am meisten über mich selbst. Wenn ich mal wieder den Moment verpasst habe, wo ich in einer guten Weise hätte Kontra geben können. Oder aber, wenn ich meinem Ärger nachgegeben habe und hinterher merke: Das war unfair von mir. Besser als Empörung ist nämlich, erstmal richtig hinzuhören und zu verstehen, was der andere wirklich will und braucht. Und warum er oder sie mich gerade nervt. Welches meine eigenen Triggerpunkte sind.
Missverständnisse haben oft mit unterschiedlichen Milieus zu tun. Sich in seiner eigenen Blase bewegen ist einfach. Aber beispielsweise als Gemeindepfarrer: Wie ernst nehme ich mein Team? Den Kirchenmusiker, Sekretärinnen, die Assistenz der Gemeindeleitung, Hausmeister, Diakon und Mesnerin – habe ich Respekt vor ihnen? Sie können mir Einblicke in Welten gewähren, die ich im Studierzimmer nicht finde. Dazu die Ehrenamtlichen mit den Erfahrungen, die sie mitbringen – von der Ärztin bis zum Heizungsbauer.
Dass wir so ein bunter Haufen sind, ist klasse! So können wir gemeinsam darauf achten, dass möglichst wenige übersehen werden. Gut so. Denn die gefühlte Spaltung und Gereiztheit in unserer Gesellschaft hat oft damit zu tun, dass Menschen sich übersehen und übergangen fühlen.
Frieden ist ein großes Wort. Und das Üben ist vielleicht gar nicht so schwer – wenn ich mit dem Hinschauen und Hinhören anfange.