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Ludwig Burgdörfer meint

Gemeinsam statt einsam

Es war ihr 80. Geburtstag. Mein Besuch war angemeldet. Sie hatte mich erwartet. Niemand sonst war da, als ich kam. Wir hatten uns bisher nicht persönlich kennengelernt. Sie sei keine Kirchgängerin, sagte sie ohne schlechtes Gewissen. Sie war wohltuend ehrlich und herzlich. Mir kam sie auffallend schlank und blass vor. Ich scherzte ein bisschen und fragte durchaus besorgt, ob sie sich das Essen abgewöhnt habe. Da schaute sie mir tief in die Augen und meinte: „Es gibt niemanden, der mir guten Appetit wünscht. Und alleine schmeckt es nicht. Fürs Essen bin ich zu einsam.“

Da haben wir spontan vereinbart, dass ich in Zukunft einmal im Monat zu ihr zum Mittagessen komme. Jeweils am letzten Freitag im Monat, um halb eins. Seitdem macht sie zwei Tage vorher einen Hausputz, weil ja bald Besuch kommt. Donnerstags geht sie zum Friseur, weil sie schön sein will, wenn sie Besuch hat. Und wenn ich dann klingele, öffnet sie strahlend die Haustür, hat eine weiße Schürze an und bittet mich herein. Es gibt Dampfnudeln, eine Pfälzer Spezialität. Wir sitzen zur Feier des Tages im Ess­zimmer. Sonst isst sie im ­Stehen in der Küche. In der „guten Stube“ sitzen, das mag sie nicht allein. Ich bin für das Tischgebet zuständig, sie fürs Servieren. Beides klappt wunderbar. Nach dem Essen erzählt sie mir noch von früher und auch von der Einsamkeit, die krank mache und dünnhäutig. Dann verabschieden wir uns. Bis zum nächsten Mal. Sie hält mich nicht auf, sie weiß ja, dass wir uns wiedersehen wollen. Außerdem hat sie jetzt selbst noch allerhand vor.

Denn wenn ich gegangen bin, dann packt sie den Rest der Dampfnudeln ein – sie hat ganz viele gebacken – und macht sich damit auf den Weg zu den alten und einsamen Leuten in ihrer Straße. Bringt denen Essen, Lebensmut und Gott zum Gruße. Jeden letzten Freitag im Monat tut sie das. So sind auf einmal ganz viele Menschen gemeinsam statt einsam. Und sie ist doch eine „Kirchgängerin“ …

Das meint Ludwig Burgdörfer. Und was meinen Sie?

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