Die Kirche in meiner Nachbarschaft hat gefeiert: 150 Jahre Johanneskirche am Feuersee im Stuttgarter Westen. Sie ist ein neugotisches Juwel nach dem Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts. Es war anrührend, beim Jubiläumsgottesdienst mit vielen Hundert Menschen „Nun danket alle Gott“ zu singen.
150 Jahre: Was hat diese Kirche alles erlebt und vor allem die Menschen mit und in ihr! Da war zuerst die Gründerzeit. Der Stuttgarter Westen wuchs rasant. Die Kirchen in der Stadtmitte reichten längst nicht mehr aus und waren zu weit weg. In Stuttgart-West wuchs das Bedürfnis nach einem eigenen Haus zum Beten und Singen. Deshalb gründeten die Bürger einen Kirchbauverein. Sie sammelten und spendeten Geld – und das in schwierigen Zeiten: Bei der Grundsteinlegung 1866 hatte Württemberg gerade an der Seite Österreichs den Krieg gegen Preußen verloren. Trotzdem kam Geld zusammen, und mit großzügiger Hilfe des Königs konnte die Kirche 1876 eingeweiht werden.
Die Stadt boomte weiter und die Kirche hat wie die Menschen um sie herum einen Weltkrieg, den Kirchenkampf und einen zweiten Weltkrieg erlebt. Wie viele mögen da gebetet haben für Angehörige, Freunde und Nachbarn? Dann Zerstörung und Wiederaufbau. Eigentlich wollte man sie gar nicht wieder aufbauen. „Neugotisch“ sagten die Denkmalschützer vor 70 Jahren, „das ist doch bloß Nachahmung“. Doch der Gemeinde war ihre Johanneskirche wichtig.
Ich mag diese Kirche, auch weil man ihr die Zeitläufte ansieht. Der vom sauren Regen schon vor 100 Jahren angegriffene Engel, die einfache Decke, die das zerstörte Kreuzrippengewölbe ersetzt, und vor allem der nicht wieder aufgebaute Turm zeigen: Das Leben ist nicht nur „Halleluja“. Es ist auch „Kyrie eleison“ – Herr, erbarme dich. Gerade in solchen Zeiten hatten die Menschen das Bedürfnis, sich eine Kirche zu bauen.
Ich bin oft zum Gottesdienst dort. Manchmal sehe ich mich um und frage mich: Welche Bedürfnisse haben die Menschen eigentlich heute?