„Ich war auch mal schön!“, hat neulich eine Trauernde zu mir gesagt. Sie hatte sich mutig entschlossen, zu unserer offenen Trauergruppe zu kommen. Wir sprachen darüber, ob und wie einem die Trauer um einen verlorenen Menschen ins Gesicht geschrieben steht. Ob es so etwas wie ein Trauergesicht gibt. Wir waren uns schnell einig: Natürlich machen wir ein Trauergesicht.
Immer schon war und ist unser Gesichtsausdruck ein Abbild unseres Befindens. Wer glücklich ist, strahlt. Wer in die Trauer gefallen ist, strahlt auch das aus, nämlich Kummer und Schmerz.
„Ich war auch mal schön!“ heißt dann eben auch: Nicht immer sah ich so aus wie jetzt. In meinem Leben gab es wunderbare Zeiten, in denen mir Lebensfreude und Glück ins Gesicht geschrieben waren.
Ob es wohl auch eine Schönheit in der Trauer gebe, habe ich gefragt. „Unmöglich!“, schallte mir der Protest entgegen. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein trauriges Gesicht etwas Schönes sein kann. Überrascht waren die Leute dann von meiner Frage, ob sie denn glauben, dass Jesus schön gewesen ist. In die Unsicherheit hinein erzählte ich davon, dass ich im Konfirmandenunterricht immer verschiedene Jesusbildnisse gezeigt habe mit der Bitte, sich für das Bild zu entscheiden, wie Jesus ausgesehen haben könnte. Stets gewann das schönste Bildnis. Der strahlende Held war unschlagbarer Favorit. Bis einmal einer von den Nachdenklichen gerufen hat: „Aber der war doch am Kreuz gehangen am Schluss. Da war er doch bestimmt nicht mehr schön!“
Wir haben dann in meiner Trauergruppe Bilder vom leidenden Jesus am Kreuz angeschaut. Da war wirklich keine Schönheit mehr zu sehen. „Der sieht ja aus wie wir, wenn’s uns schlecht geht!“, sagte eine dann nachdenklich. Und damit war den Trauernden auf einmal klar: Wir sehen uns ähnlich, Jesus und ich. „Ich war auch mal schön!“ Das könnte Jesus gesagt haben. Der kennt sich ganz schön aus.