Eine Woche nach der Wahl: die Qual in Sachsen-Anhalt. Waren wir auf dem rechten Auge blind? Ja, denn er ist wieder da. Der Geist, besser Ungeist der Geschichte. Und er zeigt ein glattes Gesicht, blauäugig, blond. Was für ein Spitzenkandidat. „Was kann der Siegmund denn dafür, dass er so schön ist?“ Es ist das alte Lied. Schön schlichte Botschaften und Bauchgefühle ziehen mehr als Kopfsachen.
Eine Wutschäum-Partei macht sich auf, das Land „zurückzuholen“. Zurück aus Europa, zurück aus der Demokratie, zurück in die Vergangenheit. Wo alles so einfach scheint in dieser verzwickten Welt. Wo die Schuldigen schnell gefunden sind: die Fremden, die Linken, die Queeren. „Wir brauchen eine neue Wende“, lächelt Siegmund. Kirche, Politik, Medien, der Staat, die Verfassung – alles soll auf rechts gewendet werden. Auf ganz rechts.
„Was kann der Friedrich denn dafür, dass er so schnöd ist?“ Wohl einiges. Der Bundeskanzler samt Regierung hat viele Leute und vieles im Land übersehen. Er wollte die Blauen und nicht die eigene Partei halbieren. Das war wohl blauäugig. Stattdessen eine Denkzettel-Wahl.
Ja, wir haben die Wahl, zu denken und genau hinzusehen. Nicht die Wählerinnen zu beschimpfen, nicht den Osten. Sondern dahin zu sehen, wo es weh tut. Wo die Schere zwischen Arm und Reich immer schmerzlicher einschneidet. Wo Menschen vernachlässigt werden. Wo ein ganzer Landesteil nach der Wende geschluckt wurde und einiges schlucken musste. Das war und ist bitter.
Auch in Bitterfeld. An diesem Wochenende beginnt dort das „Osten Festival“. Organisiert von Aljoscha Begrich, Sohn eines protestantischen Pfarrers aus Halle. Er sieht weiter Glaube, Liebe, Hoffnung im Land. In West und in Ost. Bitterfeld etwa, einst schwarz vor Ruß, sei grün geworden, ein Urlaubsort. Es gäbe wieder Arbeit und Zukunft. Begrichs Blick ist klar: Schaut genauer hin. Werdet einander gerecht. Setzt auf Kultur und kluge Politik. Also Augen auf!