Menschen brauchen Vorbilder. Man muss sehen, wie andere leben, wie sie Vater sind oder Mutter, wie sie mit anderen umgehen, wie sie ihre Aufgaben angehen. Daran kann man sich orientieren, wenn es zur eigenen Situation passt. Es gibt leider auch schlechte Vorbilder. Hoffentlich lerne ich aus ihrem Verhalten, wie ich es bestimmt nicht machen will.
Wie wird man ein Vorbild, als Vater oder Mutter, als Lehrer oder als Pfarrerin? Kann man sich das vornehmen? Ich fürchte, da wird man leicht zum Heuchler oder zur Heuchlerin. „Du musst doch Vorbild sein für deine kleine Schwester“, hat meine Mutter mich oft ermahnt. Das war sicher gut gemeint. Aber ich hatte dauernd ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich doch nicht so vorbildlich verhalten hatte. Und ein schlechtes Gewissen hatte auch meine Schwester, die schlicht anders war als ich und mich weder nachmachen wollte noch konnte.
„Reserviert für die Familie des Stadtpfarrers“ steht auf einem Messingschild in der Stadtkirche von Hermannstadt (Sibiu) in Siebenbürgen, angebracht an der ersten Bank, direkt unter der Kanzel. Als ich das las, erschrak ich. Warum konnte die Familie des Pfarrers nicht irgendwo bei den anderen sitzen? Oder sollte sie jeder sehen, als Vorbild gewissermaßen? Ich habe mir die Pfarrersfamilien der vergangenen Jahrhunderte in Hermannstadt vorgestellt: oft sicher kinderreich. Waren die Pfarrerskinder etwa unruhig, wenn sie dort saßen, flüsterten sie womöglich miteinander? Oder zankten und knufften sie sich? Und die Frau des Pfarrers? Warum schaute die immer so ernst? Oder so stolz? Und wie war es für die Pfarrerskinder, dort eben gerade nicht zu sitzen? Das gab sicher erst recht böses Gerede.
Ich glaube, zum Vorbild kann man sich nicht selber machen. Man sollte auch nicht von anderen dazu bestimmt werden. So verkrampft man vor Anstrengung. Wenn aber das eigene Verhalten die anderen überzeugt, weil es das Leben besser macht: Das sind gute Vorbilder.