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Lucie Panzer meint

Wir brauchen mehr Spielräume

Im Hintergrund sind viele bunte Legosteine zu sehen. Im Vordergrund sind zwei Hände zu sehen, die aus Lego etwas Bauen. Kolumne
Canva

Mein Enkel hat zu Weihnachten einen Eimer voll einfacher Legobausteine bekommen. Rote, grüne, weiße, gelbe … mit zwei, mit vier, mit sechs Noppen. Bisher gab es immer ganze Bausätze: ein Raumschiff, ein Roboter, ein Piratenschiff. Ich war verblüfft. Die Bausätze sind langweilig, hat mir meine Tochter erklärt. Irgendwann geraten die speziellen Kleinteile in den großen Haufen. Mit den Bausteinen baut mein Enkel jetzt ein Schloss, ein Segelschiff, eine Schubkarre. Jeden Tag etwas anderes. Er arbeitet nicht genau nach Anleitung. Er denkt sich selbst etwas aus.

Mit ist das wieder eingefallen, als ich das neue Buch von Hartmut Rosa „Situation und Konstellation“ gelesen habe. Rosa bringt genau dieses Legostein-Beispiel und schreibt: Wir handeln nicht mehr, wir vollziehen nur noch vorgegebene Regeln. Er nennt viele andere Beispiele wie die Pflegekraft, die nach ihren vorgegebenen Regeln handelt, aber nicht machen darf, was nötig wäre, weil es nicht auf der Liste steht.

So wird die Welt unmenschlich, schreibt der Professor aus Jena. Wir brauchen wieder Spielräume. Natürlich sieht auch Hartmut Rosa, dass so Willkür und Korruption möglich sind. Was, wenn einer nur bei seinen Freunden Ermessensspielräume sieht und bei denen nicht, die ihm unsympathisch sind? Bürokratische Listen und Regeln sollen das ja verhindern. Sie sollen Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sicherstellen. Bloß: An der konkreten Situation gehen sie oft vorbei. Man muss die Situation genau erfassen und selber urteilen: Was braucht es jetzt, was ist nötig? Moralische Verantwortung braucht es dazu, schreibt der Professor. Fingerspitzengefühl und Urteilskraft. Aber ich frage mich: Gibt es dafür eine Richtschnur? Einen inneren Gradmesser, der urteilen hilft? Bei Hartmut Rosa habe ich dazu nichts gefunden.

Vielleicht geht es mit: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu.“ Wenn man sich nur darauf verlassen könnte, dass sich alle daran halten! Dann würde die Welt menschlicher.

Das meint Lucie Panzer. Und was meinen Sie?

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