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Portraitfoto von Mechthild Werner
Mechthild Werner meint

Wir waren Timmy

Ein toter Wal liegt am Küstenufer. Das Tier wird von Möwen zerfressen. Kolumne
Canva

Sie ist zuende, die Wal-Berichterstattung. Verendet wie Wal Timmy. Von März bis Mai war er auf Sendung. Besser sie, wie wir nun wissen, das Walmädchen vom Timmendorfer Strand. Auf Grund gelaufen in der Ostsee wird monatelang nach dem Grund gesucht und einem Ausweg des Tiers in die Nordsee.

Man hatte keine Wahl, auf allen Kanälen, trotz Kriegen und Krisen: Die Walaktion. Ganz Deutschland kommentiert. Ministerien, Meeresbiologen, Tierschützerinnen streiten. Walflüsterer demonstrieren. Ein Unternehmerpaar finanziert die umstrittene Rettung – im Livestream zu verfolgen.

Dann folgt der Abgesang im Kanon: Der Wal ist tot. Gestrandet an einem dänischen Inselchen. Zu Fronleichnam eine öffentliche Obduktion, der Kadaver kommt in Container. Klappe zu. Wal-Berichterstattung abgeschlossen. Doch viele Fragen bleiben offen. Warum, fragen nicht nur die Dänen.

Warum in aller Welt sollte ein Buckelwal, einer von 85 000 der Weltmeere, für 1,5 Millionen Euro gerettet werden? Stinkt der Rettungsversuch eines einzelnen Tiers nicht zum Himmel wie die Gase aus seinem toten Bauch? Wie vielen Menschen wäre mit dem Spendengeld geholfen worden. Und wurde dem Walmädchen überhaupt richtig geholfen?

Für mich war es ein Rettungsversuch für unser Gewissen. Der Wal, dieser gerundete Meeressäuger, sanft und schlau, berührt etwas in uns Menschen, tief im Bauch. Das Wissen: Wir sind Geschöpfe, sind selbst Teil der Schöpfung, die wir ausbeuten. Rettungslos? Nein, wir können etwas tun. So wurde der Walfang verboten, die Bestände haben sich erholt.

Aber der Klimawandel überwärmt weiter die Meere. Fische sterben, Wale verenden in Netzen oder unter Tankern. Alles bekannt. Und weit weg. Doch plötzlich, vor unserer Haustür, wird ein Wildtier zum Haustier der Nation, bekommt einen Namen. Timmy – oder Hope. Timmy ist tot. Es lebe Hope. Die Hoffnung, dass wir sie schützen: Wale. Und all das wunderbare Leben im Meerblau und Grün unseres Planeten.

Das meint Mechthild Werner. Und was meinen Sie?

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