„Das kann doch nicht alles gewesen sein, das bisschen Sonntag und Kinderschrei’n. Das muss doch noch irgendwo hingeh’n“, dichtete und sang Wolf Biermann. Ja, das kann nicht alles gewesen sein, es gibt mehr, es gibt mehr Leben, Leben für alle und für alle Ewigkeit. Auch wenn es unfassbar und unglaublich klingt. Das gibt’s doch nicht. Doch! Die Welt ist größer und das Leben ist größer als das, was wir sehen und hören, anfassen und schmecken können. Auch größer als das, was wir denken und uns vorstellen und mit unseren Worten ausdrücken können.
Der Horizont unseres Lebens, unseres Denkens und Empfindens ist der Tod. Alle Menschen sind sterblich. Das ist seit den Tagen Adams und Evas, also von allem Anbeginn an so. Wohl wahr! Das ist das Gesetz der Welt. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit heißt: In Christus werden wir alle leben. Jenseits unseres Horizontes, des Denkens und des Todes, ist das Leben. Wir werden leben. – Ist das wirklich so völlig unfassbar und unglaublich? Wir haben ja noch andere Organe als unsere Sinne. Unser Herz kann sehen, was die Augen nicht sehen, und unsere Seele spüren, was die Haut nicht spürt.
Vielleicht kennen wir Beispiele des Lebens, das mehr ist, sogar aus unserem Alltag. Plötzlich wird alles hell und weit, als fiele Licht in unser Leben, Licht von woanders her, und wir sind „vorweggenommen in ein Haus aus Licht“, wie Marie Luise Kaschnitz das in einem ihrer Gedichte sagt. Musik kann uns das spüren lassen oder Kinderlachen oder der Mond oder die Liebe – oder es ist einfach da ohne erkennbaren Anlass. Solche Erfahrungen sind Spuren dieser größeren Welt, die weit jenseits unseres Alltags- und Todeshorizontes reicht. Wer nichts weiß und spürt von der größeren Welt, wer all das verpasst, ist elend dran.
Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten: Das meint nicht, dass ein Mensch vor 2000 Jahren zurückgekehrt ist in das irdische Leben. Sondern dass er in einem neuen Leben lebt. Auferstehung, das ist nicht der letzte Funke, der nochmals zum Glühen gebracht wurde. Sondern neues Feuer aus der alten Asche, Leben aus dem Staub.
Und wir sind dabei. Christus ist nur der Anfang, der Erstling, wie Paulus mit einem für uns etwas merkwürdigen Wort sagt. Erstling heißt: Er ist der Erste, aber er bleibt nicht allein, es muss notwendig ein Zweiter folgen und ein Dritter und immer so fort. Ein unendlicher Zug aller Menschen aus allen Zeiten. Alle ins Leben gerufen, dem Tod entrissen.
Ohne Ostern bestimmt der Tod unser Leben, genau genommen ist das Leben ein einziger Kampf gegen den Tod, er treibt uns an und lähmt uns zugleich. Damit ist es nun vorbei. Diese Macht des Todes über unsere Seelen ist gebrochen. So macht Ostern vieles in unserem Leben heil. Das Herz wird leicht. Gelassenheit bestimmt uns und manchmal darf da ruhig auch ein Schuss Übermut dazukommen. Wir können das Leben lieben. Sehr sogar. Und wir können die Menschen lieben. Sehr sogar. So beginnt unsere Auferstehung heute. Christ ist erstanden.