Johannes, Sohn des Zacharias, geht in die Wüste. Wüste, das Gegenteil vom Kulturland. Das Negativ zu den Olivenbäumen, dem Wasser, der Sicherheit. Er geht dorthin, wo die Israeliten 40 Jahre lang unterwegs waren, in Staub, Zukunftslosigkeit und Mühsal. Wüste, das ist: Den Trubel hinter sich lassen und die Geschäftigkeit, die so oft eine Flucht ist. Flucht vor der eigenen Angst, der eigenen Leere. In der Wüste kann man nicht mehr ausweichen. Hier gibt es keine Ablenkung, hier ist der Mensch auf sich allein gestellt. Und deswegen steht auch nichts mehr zwischen ihm und Gott.
Hier beginnt Johannes zu taufen. Sein Name lautet wörtlich: „Johannes der Wäscher“. Das Alte muss abgewaschen werden und jeder soll aufs Neue das verheißene Land betreten, frisch beginnen wie die Israeliten damals. Seine Predigt ist ein Aufruf zum Neustart und die Sehnsucht nach Umkehr. Das Leiden an der Gegenwart ist unglaublich groß – deshalb kommt so eine große Menge zu ihm. Und zur herzlichen Begrüßung schleudert Johannes seinen Gästen sogleich das schärfste Wort entgegen: „Ihr Otterngezücht!“ Er nennt seine Zuhörer „Schlangen“. Schlangen sind der Inbegriff der Gottlosigkeit: Denn sie leben nur im Staub, den Kopf auf dem Boden und nicht gen Himmel. Weiter weg von Gott geht nicht. Mehr harte Worte folgen: Warum meint ihr, dass ihr dem Zorn entrinnt? Ihr selbstgerechtes Pack! Kein Unterschied zwischen damals und heute, oder?
Jeder kann nachts geweckt werden und weiß gleich mindestens zehn Dinge, die Partner, Kinder, Nachbarinnen, Politiker oder Pfarrer falsch machen. Sei es Klimaschutz oder Kehrwoche, kulturelle Aneignung oder Sex vor der Ehe. Jeder selbstgerecht, jeder bissig. Otterngezücht eben. Aber, sagt Johannes, so kommt Gott nicht im Guten; macht dem Herrn lieber eine freie Landebahn.
Auch Jesus lässt sich taufen, wie die folgenden Zeilen in Lukas 3 erzählen. Auch er sieht, dass ein Neustart nötig ist, eine neue Hinwendung zu Gott. Und er hört vom Himmel her die Anrede, die er nie mehr vergisst: „Mein geliebter Sohn“. Von da an ändert sich etwas fundamental. Die Predigt von Jesus ist grundlegend anders als die von Johannes. Auch Jesus ruft dazu auf, dass wir unser Leben ändern müssen. Aber das Vorzeichen ist anders. Gott ist der „abba“, der Papa, er naht in Liebe. Er liebt das Verlorene, deswegen geht er ihm nach und sucht es. Das Leben ist kein Gehen mit unbestimmtem Ziel. Sondern ein Nahen Gottes. Das Vergehen der Zeit ist das Kommen des Reiches Gottes. Und auch der Tod gehört dazu. Unsere Zeit ist ein Faden und Gott wickelt ihn auf. Deswegen beginnt die Taufpraxis der Jünger von Jesus erst nach Ostern – denn wir sind auf seinen Weg getauft. Einschließlich Tod. Und einschließlich Ostermorgen. Abkehr von Selbstgerechtigkeit gehört aber weiter dazu, noch viel mehr! Ohne Furcht geht es sich beschwingter, weniger bissig, mit mehr Güte. Ebenso das regelmäßige Fliehen vor dem Trubel in die „Wüste“. Gerade im Advent. Aber nicht aus Angst vor Zorn, sondern weil Gott schon unterwegs ist. Zu uns, zu den Verlorenen. Jubelt! Und geht ihm entgegen, in Gerechtigkeit.