Impuls

Die Welt in Gottes Hand

Impuls für den Altjahresabend: Prediger 3,1-15.

Prediger 3,1-15 (in Auszügen) 

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit.

privat
Matthias ­Hestermann unterrichtet Evangelische Religionslehre an zwei ­Gymnasien im Raum ­Göppingen.

Am heutigen Abend ist uns das Vergehen der Zeit besonders bewusst. Die berühmten Anfangsverse aus Prediger 3 entsprechen unseren Erfahrungen: Das Leben ist wechselhaft. Es hat seine schönen und seine schwierigen Zeiten. Zuweilen entwickeln sich Dinge, zuweilen zerfallen sie. Menschen aller Zeiten haben diese Worte als tröstlich empfunden, weil sie ihren eigenen Lebensweg darin wiedererkannt haben.

Aber sollte der lakonische Tonfall des Predigers uns nicht auch befremden? Schwingt da nicht eine fatalistische und zynische Haltung mit? Töten, Hassen und Klagen wirken hier nicht schlimm, sondern als schlicht zum Leben dazugehörend. Alles erscheint gleich gültig – und gleichgültig scheint der Prediger auf diese Welt zu schauen.

Die Gedanken des Predigers wurden deshalb auch als ein frühes Beispiel für Nihilismus bezeichnet: eine Weltanschauung, die an nichts glaubt, keinerlei Sinn im Leben erkennt, auf keinen Gott vertraut. Eine besonders problematische Ausprägung des Nihilismus empfindet in der Folge auch keine Verantwortung für Mitmensch und Mitwelt und empfiehlt, sich im Hier und Jetzt alles zu nehmen, was geht. Wer auf die Welt schaut, sieht: Es gibt solche Menschen, die skrupellos und ohne jede Demut alles ihrer Machtgier unterwerfen wollen.

Ein solcher Nihilist ist der Prediger sicher nicht. Er glaubt an Gott. Für ihn – das zeigt der zweite Teil des Abschnitts – liegt die Welt ganz in Gottes Hand. Deshalb kann der Mensch den Lauf der Welt nicht verstehen und nur wenig beeinflussen. Das entspricht unserer Erfahrung, weshalb die Verse so entlastend auf uns wirken.

Ich frage mich allerdings: Was würde der Prediger sagen, wenn er die Welt von heute betrachten würde? Würde er das unsäglich grausame Morden der Hamas oder den Terror Russlands gegen die Ukraine schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, weil manchmal eben die Zeit zu töten sei? Und die Hungersnöte durch endlose Dürren über vertrockneten Feldern quittieren mit einem zynischen: „Manchmal ist eine Zeit zum Ausreißen, was gepflanzt ist“? Befriedigend wäre das sicher nicht!

Könnten wir einen Mitmenschen, der schwer unter einem familiären Konflikt leidet, einfach auf den Prediger verweisen: „So ist das eben, Streiten hat seine Zeit“? Eine solche Haltung wäre natürlich vollkommen unangemessen. Sie entspricht auch nicht der Botschaft der Bibel. Juden und Christen finden sich nicht einfach ab damit, dass es eben Zeiten des Tötens und Zerstörens gibt! Die Gebote der Thora wollen erreichen, dass wir Menschen in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben. Die Propheten verheißen, dass Gott die Welt am Ende zu seiner Welt machen wird. An Weihnachten ist diese Welt, so glauben wir Christen, im Stall von Bethlehem angebrochen. Und wir alle sehen uns gerufen, an der Welt Gottes mitzuarbeiten.

Die Gedanken des Predigers aber sind gerade vor diesem Hintergrund ein wichtiges Korrektiv. Sie helfen uns, unsere eigene Begrenztheit anzunehmen. Der Prediger empfiehlt, die schönen Seiten des Lebens zu genießen und den Lauf der Welt, so jammervoll und unbegreiflich er sich uns oft zeigt, immer wieder in der Hand Gottes geborgen zu wissen. Das ist eine gute Botschaft für einen Jahreswechsel!

Gebet

Guter Gott, wir bitten dich an der Schwelle zum neuen Jahr: Bleibe mit uns unterwegs, wenn nun diese ­gefährdete Erde erneut die Sonne umkreist. Erhalte in uns die Hoffnung, dass die Kraft der Liebe, die du bist, diese Welt verwandeln wird. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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