Wenn man diesen Bibelabschnitt genauer anschaut, merkt man: Hier geht es nicht nur um einen Blinden. Es geht um eine ganze Blinden-Schar. Von außen sehen manche gut – aber innerlich tappen sie im Dunkeln. Ein anderer sieht äußerlich nichts – und erkennt doch mehr als alle anderen.
Die ersten Blinden sind die Jünger. Jesus kündigt ihnen an, was in Jerusalem geschehen wird: Sein Weg ans Kreuz steht bevor, die Passionszeit wirft ihren Schatten voraus. Und Jesus sagt nicht: Ich gehe hinauf nach Jerusalem. Er sagt: „Wir gehen.“ Sie sind mit hineingenommen. Auch ihr Weg wird dunkel werden. Sie werden mitleiden, miterleben, wie alles zusammenbricht – und dennoch verstehen sie im Moment rein gar nichts. Das ist eine ehrliche Beschreibung des Glaubens: Christsein bedeutet nicht, immer alles zu begreifen. Es bedeutet auch nicht, ein leichteres Leben zu führen als andere. Manchmal stehen wir mitten in der Dunkelheit.
Dann begegnen wir dem zweiten Blinden – dem, der wirklich nichts sieht. Ein Mann am Straßenrand. Keine Perspektive, kein Augenlicht, nur der Wegestaub von Jericho. Und doch ist er der einzige, der innerlich klar sieht. Er hört: Jesus kommt vorbei. Und sofort begreift er: Das ist meine Chance. Er ruft. Er lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Und Jesus, mitten im Zug nach Jerusalem, mitten auf dem Weg ins Leiden, bleibt stehen. Er hört den Ruf eines einzelnen Menschen. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Eine einfache Frage. Und der Blinde antwortet schlicht: „Herr, dass ich sehen kann.“ Jesus macht ihn sehend – und lobt seinen Glauben. Der, der äußerlich blind ist, sieht innerlich schon klar: Er erkennt in Jesus den Sohn Davids, den Retter, den, der helfen kann. Und so geschieht es: Sein Augenlicht kommt zurück.
Und die Jünger? Auch ihnen werden die Augen geöffnet werden – nicht in Jericho, sondern nach der Auferstehung. Dann werden sie den Auferstandenen sehen. Dann werden sie innerlich verstehen: Gott hat alles gut gemacht. Der Weg durchs Leiden war nicht das Ende.
Vielleicht ist das die Botschaft für uns am Beginn der Passionszeit: Es gibt Zeiten, in denen wir blind sind. Zeiten, in denen wir das „Warum?“ nicht beantworten können. Zeiten, in denen wir den Weg nicht sehen.
Aber Jesus bleibt stehen, wenn wir rufen. Er hört uns. Und er führt uns – manchmal erst später – zu einer neuen Klarheit, zu einem Vertrauen, das wieder sehen kann. Der sehende Blinde aus Jericho erinnert uns: Wir dürfen rufen. Wir dürfen unsere Blindheit bekennen. Und wir dürfen darauf hoffen, dass Jesus sehend macht – im richtigen Moment, mit seinem Wort, mit seiner Nähe.