Jesus sieht. Damit fängt alles an. „Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstigt und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Jesus sieht – und was er sieht, lässt ihn nicht kalt, sondern geht ihm zu Herzen, berührt ihn im Innersten. „Es jammerte ihn“, übersetzt Martin Luther. Eigentlich beschreibt das ein wirkliches Wunder. Denn in diesem Menschen, der hier vor uns steht, steht ja der Sohn Gottes vor uns. Der Mensch, in dem Gott selbst zu uns gekommen ist. Von diesem Menschen erzählt uns Matthäus: „Er sah“ und „Es jammerte ihn“.
Matthäus sagt uns aber nicht nur etwas über Jesus, sondern damit auch über Gott: Gott ist das, was er an uns sieht, nicht egal. Er lässt sich davon betreffen und berühren. Man kann sich diesem Satz nur annähern. Was heißt es, wenn Gott uns sieht? Und was ist es, das ihm so zu Herzen geht?
Was Jesus an den Menschen, die er anschaut, sieht, bringt er mit dem Bild einer Schafherde zum Ausdruck. Er sieht eine Herde, die „geängstigt und zerstreut“ ist, weil sie keinen Hirten hat. Eine Herde, die in der Wildnis ohne Hirten unterwegs ist und sich bald zerstreut, schwebt in tödlicher Bedrohung. Wilde Tiere können über sie herfallen. Wenn die Schafe nicht beieinanderbleiben und nicht mehr wissen, in welche Richtung sie laufen sollen und wo sie Nahrung und Schutz finden, dann sind ihre Leben bedroht.
Noch während Jesus durch die Dörfer und Städte Galiläas zieht, sendet er zwölf Jünger aus, die wir als „Apostel“ kennen. Sie sollen wie Jesus selbst Krankheiten und Gebrechen heilen und vom Kommen des Himmelreiches reden, so dass alle es sehen und hören können.
Die Erzählung des Evangelisten Matthäus steht an einem Übergang: Zuvor erzählt Matthäus von der Bergpredigt Jesu. Davon, wie Jesus den Menschen den Willen Gottes ausgelegt hat. Und er hat von den Wundern Jesu erzählt. Davon, wie Jesus Menschen begegnet und sie heil macht. Die Aussendung der Zwölf erzählt nun, wie dieses Geschehen durch die Jünger in die Welt hinausgetragen wird. So dass es schließlich sogar bis hierher zu dir und mir gelangt.
Jesus sieht, lässt sich berühren und verändern, es jammert ihn. Vielleicht kann man die Größe dieses Satzes gar nicht so recht ermessen. Für die griechische Philosophie jedenfalls war ein solcher Satz undenkbar. Denn mit ihm wurde ja etwas von Gott ausgesagt, das man sich schlechterdings nicht vorstellen konnte: dass Gott sich bewegen lässt, dass ihn das, was er sieht, verändert. Dass Gott etwas zu Herzen geht und er sich eines Menschen erbarmt. Dass Gott nicht auf seinem heiligen Thron bleibt, sondern selbst zu den Menschen geht, sie dort aufsucht, wo sie sind.
Vielleicht stehen wir manchmal in der Gefahr zu vergessen, dass diese Botschaft von einem Ereignis spricht. Dass sie keine allgemeine Wahrheit vom „lieben Gott“ ist. Sie ist ein Geschehen, in dem Gott sich uns zuwendet und damit unser Leben immer wieder verändert. Ein Geschehen, in dem Gott selbst sich verändern lässt, und damit dann auch die Gottesvorstellungen, die wir Menschen von ihm haben, auf den Kopf stellt, weil unser Gott der Immanuel ist, der Gott mit uns. Amen.