Es müsse ein Ruck durch die Gesellschaft gehen, predigten die Anführer. Vorher sei es grauenhaft gewesen, jetzt würde alles besser! Alles müsse deshalb neu geordnet werden, quasi vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Gesellschaft liege in Trümmern, die Feinde von außen immer noch da oder schon wieder da, auch wenn einige das immer noch nicht sehen würden. Nach außen müsse man sich abschotten, fremde Einflüsse eindämmen und überhaupt: Man müsse arbeiten, auch wenn alles teurer würde. Eben: ein Ruck!
Zwanzig Jahre lang haben sich die Menschen das angehört. Doch fast nichts ist geschehen. Zwanzig Jahre zuvor war die Oberschicht des Volkes Israel aus der sogenannten „babylonischen Gefangenschaft“ zurück ins Heilige Land gekommen. Wobei viele gar nicht zurückkamen, so gut lebten sie in Babylon. Die aber zurückkamen, übernahmen wieder die Herrschaft im Land. Dabei war das Land gar nicht entvölkert, neue Strukturen hatten sich gebildet. Das einfache Volk wurde nicht vertrieben. Jemand musste schließlich die Felder für die Besatzer bearbeiten und das Land bewirtschaften. Jetzt waren die alten Oberen wieder da und versprachen: Wenn der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut ist und die alten Strukturen wieder funktionieren, dann wird alles besser.
Das Versprechen war nach zwanzig Jahren nicht eingelöst und der Tempel lag immer noch in Trümmern. In ihrem Vorzeigeprojekt „Tempelaufbau und alles wird gut“ funktionierte gar nichts. Da trat der Prophet Sacharja 520 bis 518 vor Christus auf und verkündigte völlig Neues. Gott wird kommen, aber nicht im letzten Raum des neuen Tempels, sondern mitten unter seinem Volk. Gott wird nicht bei den Mächtigen wohnen, sondern beim einfachen Volk. Erst bei seinem Volk, dann bei allen Völkern der Erde. Gott wohnt global. Das war eine revolutionär neue Botschaft inmitten der Frustration und schlechten Stimmung, inmitten der Pessimisten, Bruddler und Miesmacher.
Die ersten Christen haben in ihren jungen Gemeinden diese Botschaft begierig aufgegriffen und als Quelle ihrer Hoffnung und Freude begriffen. Gott wohnt bei uns. Selbst im Versteck der Katakomben Roms in den Jahren der Verfolgungen. An Weihnachten kam Gott nicht hoch zu Ross wie ein Mächtiger, sondern in Windeln in einer Krippe zu uns. Zu den kleinen Leuten, den Enttäuschten, Pessimisten, Verzweifelten, Unkenrufenden.
Martin Luther predigte zu diesem Weihnachtstext von einem sehr frommen Mann, der fromme Werke tat, um mit jedem frommen Werk eine Sprosse auf der Himmelsleiter weiter nach oben zu kommen. Endlich am Ende der Leiter angekommen, streckte er glücklich den Kopf durch die Wolken in den Himmel und war entsetzt: Der Himmel war leer. Gott ist nicht im Himmel, predigte der Reformator, er ist unten auf der Erde – in einer Krippe in einem dreckigen Stall.
Nicht nur für die frühen Christen war und ist das die Weihnachtsbotschaft: Die Welt ist wie sie ist. Sie ist nicht das Paradies, nicht das gelobte Land, nicht der Himmel auf Erden. Gott ist nicht „da oben“. Er ist bei uns, in unserem Leben der Unvollkommenheit. Er ist bei mir. Das ist Grund zur Freude und daraus entsteht Kraft, Mut, Hoffnung und Zukunft. Das ist jedes Jahr Weihnachten auf Erden.