Weihnachten – das Fest der Menschenfreundlichkeit Gottes. So schlicht und zugleich so überwältigend fasst es der Titusbrief zusammen: Gott ist uns freundlich. Er liebt uns Menschen. Und diese Liebe bleibt nicht verborgen. Sie bekommt ein Gesicht – das Gesicht des Kindes in der Krippe. In diesem Kind zeigt sich: Gott bleibt nicht fern, sondern teilt unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Weihnachten ist mehr als Stimmung und Tradition – es ist Gottes Entscheidung für uns.
Das ist mehr als eine rührende Geschichte. Es ist eine Zäsur in der Geschichte der Welt: Gott macht sich klein, verletzlich, greifbar. Nicht, weil wir es verdient hätten. Nicht, weil wir besonders gerecht oder fromm wären. Sondern allein aus Barmherzigkeit. „Nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten“, schreibt der Brief. Das ist befreiend: Wir müssen uns nicht erst hocharbeiten zu Gott. Er kommt zu uns.
Diese Menschenfreundlichkeit verändert alles. Sie verändert, wie wir auf uns selbst schauen: Wir sind nicht nur das, was wir leisten oder versäumen. Wir sind Angesehene, Geliebte, Gehaltene. Und sie verändert, wie wir auf andere schauen: Wenn Gott menschenfreundlich ist, wie könnten wir lieblos bleiben?
Gerade das ist heute eine Herausforderung. Unsere Gesellschaft wirkt oft zerrissen. Wir schauen uns nicht mehr freundlich an, sondern aus der Distanz unterschiedlicher „Lager“. Wir reden übereinander, aber nicht miteinander. Gottes Freundlichkeit soll auch durch uns sichtbar werden: indem wir zuhören statt vorschnell urteilen, persönlich reden statt nur posten, und Menschen nicht auf ein Etikett reduzieren. Wir erleben das in politischen Debatten, in sozialen Medien, manchmal sogar in Familien. Misstrauen wächst, wo das Gespräch verstummt. Gerade hier kann die Botschaft von Weihnachten heilsam sein: Gott sieht uns an – und lädt uns ein, einander wieder anzusehen.
Der Titusbrief spricht vom „Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist“. Damit ist die Taufe gemeint. Sie macht sichtbar, was Weihnachten bedeutet: Gott sagt ja zu unserem Leben. Dieses Ja gilt – unverbrüchlich. Wir müssen es nicht verdienen. Wir dürfen es annehmen.
Vielleicht ist das die größte Herausforderung: anzunehmen, dass wir Beschenkte sind. Denn vieles in unserem Leben können wir uns nicht selbst geben: Liebe, Vertrauen, Hoffnung. Wir empfangen sie – und das ist das Wunder von Weihnachten: In Jesus kommt Gott uns nahe und schenkt uns, was wir uns nicht selbst geben können. Hoffnung, die trägt. Liebe, die nicht verrechnet. Vertrauen, das uns hält. Nicht als Lohn für Leistung, sondern als Geschenk. Das widerspricht vielen Erfahrungen unseres Alltags, in dem oft nur zählt, was wir bringen. Weihnachten stellt diese Logik auf den Kopf.
Weihnachten lehrt uns, neu zu staunen: über einen Gott, der nicht fernbleibt, sondern sich einmischt. Über einen Gott, der nicht fordert, sondern schenkt. Über einen Gott, der uns nicht allein lässt, sondern uns zu Erben macht „nach der Hoffnung auf ewiges Leben.“
Und es lädt uns ein, diese Freundlichkeit weiterzugeben. Vielleicht ganz schlicht: mit einem guten Wort, mit einem offenen Ohr, mit einer ausgestreckten Hand. Lernen wir wieder neu, uns anzusehen – mit den barmherzigen und liebevollen Augen Gottes. Damit seine Menschenfreundlichkeit auch heute ein Gesicht bekommt.