Der 30. Juli 1944 war ein Sonntag. Fünf Tage vorher, in der Nacht von Montag auf Dienstag hatten britische Bomber große Teile der Stuttgarter Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Das alte Stuttgart war unwiderruflich zerstört, die Stiftskirche und viele andere Kirchen der Stadt lagen in Trümmern. Mehr als 800 Menschen fanden in jener Nacht den Tod. Es war in den meisten Kirchen undenkbar geworden, weiterhin Gottesdienste zu feiern
Trotzdem, inmitten der Zerstörung und des Grauens, traf sich an diesem letzten Sonntag im Juli 1944 eine Gemeinde zum Gottesdienst, im Gemeindehaus. Prälat Karl Hartenstein hielt den Gottesdienst, die Predigt ist uns überliefert. Der Predigttext für jenen Sonntag: Offenbarung 1,9-18.
Prälat Karl Hartenstein stellte der Gemeinde in seiner Predigt die Frage: „Was brauchen wir denn jetzt?“ Und sagte: „Wir haben ja nichts mehr. Dahin ist Hab und Gut. Es sind Tausende Bettler geworden über Nacht. Die heißgeliebte Stiftskirche ist in Trümmern. Wir können das alles gar nicht fassen. Was brauchen wir jetzt?“ Und dann die Antwort: „Wir brauchen den Herrn Jesus allein.“
Diese Worte des Prälaten klingen vielleicht vordergründig arg fromm oder wenig pfiffig oder ziemlich abgedroschen. Aber der Prälat zeigt auf, warum dieser einfache Satz genügt. Er zeichnet in der Predigt dieses Bild aus der Offenbarung des Johannes nach. Da sitzt einer auf dem Thron und Johannes, der Bedrängte und Gefangene, begegnet ihm. Hartenstein führt aus, was Menschen und Gemeinden in so einer Situation brauchen: „Wir brauchen den, der uns berührt. Johannes war wie tot, er, Gott, legte seine rechte Hand auf ihn.“
Eine Gottesberührung das ist das erste. Eine Gottesberührung gibt uns Kraft und haucht uns neues Leben ein. Wir brauchen zweitens den Trost und die Zusage Gottes: „Ich bin der Erste und der Letzte und Lebendige.“ Mehr braucht es für die Menschen der Bibel nicht: Gott als den zu wissen, der das erste und letzte Wort hat, und nicht ein großer Toter ist, sondern als der Lebendige die Zügel dieser Welt in seiner Hand hält. Und drittens, so der Prälat damals: „In diesem Text findet sich die Verheißung, dass auch in tiefsten und dunkelsten Stunden jemand da ist, der von sich sagt: ‚Ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes‘.“
Das gilt 2026 noch genauso. Wenn um dich herum und vielleicht in dir drin Hölle ist, gibt es jemand, der die Schlüsselgewalt darüber hat. Es gibt einen, der in diese Hölle eingebrochen ist und sie aufgebrochen hat. Für mich selbst ist dieses Bild Hilfe, Ansporn und Glaubensgewissheit. Es darf leuchten in allem Bedrängenden des eigenen Lebens, in allen Anfragen an die Kraft Gottes.
Der Text steht heute am Ende des Weihnachtsfestkreises, an dieser Schnittstelle zwischen Weihnachten und Passion. Das will uns zeigen: Heute wird das Weihnachtslicht nicht ausgemacht, sondern dieses Licht geht durch die Passion hindurch über in das Licht des Ostermorgens. Ich will mit einem Gott rechnen, der alles Gottfeindliche vernichten wird, und die Schlüssel in der Hand hält.