Frieden – ist das ein frommer Wunsch? In Anbetracht der weltpolitischen Lage, sei es in Nahost, sei es in der Ukraine, ist das ein Eindruck, der sich gerade mehr denn je aufdrängt. Aber das ist nichts Neues: Von Anfang an besteht im Christentum ein Konflikt zwischen der ethischen Anforderung Jesu – „Selig sind, die Frieden stiften“ – und den Zwängen und Fallstricken des menschlichen Zusammenlebens, im Großen wie im Kleinen.
Bei den Versen, die Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt, hat er wohl kaum an Weltpolitik gedacht. Für die wenigen Christen, die es einige Jahre nach dem Tod Jesu in Rom und anderswo gab, war Politik noch lange keine Dimension, in der sie Einfluss nehmen und Wirksamkeit hätten entfalten können. Ihre Auseinandersetzungen spielten sich auf einer anderen Ebene ab: im Miteinander einer kleinen, alles andere als homogen zusammengesetzten Glaubensgemeinschaft; und im Gegenüber zu einer Umwelt, die noch kaum von ihnen Notiz genommen hatte (wenn überhaupt, dann vermutlich eher mit einem gewissen Befremden).
Frieden zu halten – einerseits als Gemeinde nach innen, andererseits gegenüber der Außenwelt –, ist eine der großen Forderungen, die Paulus hier aufstellt. Und das bedeutet: Frieden ist nicht nur ein frommer Wunsch; er muss vielmehr gerade in einer Gruppe, die sich auf Jesus beruft, höchste Priorität haben.
Um Frieden zu halten, braucht es indes immer zwei. „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, wusste schon Schiller. Das ist eine entscheidende Einschränkung – aber es ist keine Ausrede, sich nicht trotzdem um Frieden zu bemühen.
Paulus macht die Einschränkung auch. Er hält aber umso mehr an seiner Forderung fest: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Darin steckt die Erkenntnis: Es wird, leider Gottes, nicht immer möglich sein und: Es liegt nicht alles an euch. Aber was ihr tut, ist trotzdem niemals egal.
Jede und jeder ist in tägliche Konflikte verstrickt; manchmal arten sie zu regelrechten Kleinkriegen aus – nicht nur mit ungeliebten Nachbarn, auch mit den Allernächsten in der Familie oder mit schwierigen Kolleginnen und Kollegen. Ebenso wenig sind Kirchengemeinden vor Eskalationen gefeit, auch nicht durch den Heiligen Geist. Es hilft alles nichts: Wo Menschen sind, menschelt’s.
In der von Paulus formulierten Anforderung liegt für diese täglichen Scharmützel und Reibereien zweierlei: ein anspruchsvoller Auftrag – und eine spürbare Entlastung. Im Umgang mit anderen komme ich als Christin, als Christ nicht umhin, immer die Fragen mitlaufen zu lassen: Was ist in dieser Situation an Frieden möglich? Wo liegt mein Anteil daran – und wo habe ich die Möglichkeit, etwas zu ändern? Wohlgemerkt: Paulus fordert nicht, sich alles gefallen zu lassen oder erlittenes Unrecht einfach klaglos hinzunehmen. Aber die Frage wäre: Wie kann ich so damit umgehen, dass es dem Frieden dient? Was brauchen wir, um mit dem, was war und was ist, unseren Frieden zu machen?
In Anbetracht dieses großen Auftrags gibt es auch eine Entlastung: Es liegt nicht alles an mir. Was ich nicht ändern kann, worauf ich keinen Einfluss habe, das kann ich nur Gott überlassen – getrost und in dem Vertrauen: Am Ende wird er dafür sorgen, dass der Frieden kein frommer Wunsch bleibt, sondern Wirklichkeit wird.