Ganz schön radikal, was Jesus da sagt! Und ziemlich deutlich, dass das Verhältnis Jesu zu seiner Familie angespannt und belastet war. Ein paar Verse vorher (Markus 3,20-21) wird erzählt, dass die Seinen ihn ergreifen wollten, weil sie dachten, Jesus wäre von Sinnen.
Offenbar erfüllte Jesus nicht die Erwartungen seiner Familie. Er blieb nicht Zimmermann in Nazareth. Er folgte seiner eigentlichen Berufung. Er verkündete das Reich Gottes, rief auf zu einem neuen Leben mit Gott und stiftete eine neue Gemeinschaft. Davon ließ er sich von seiner Familie nicht abbringen.
Es ist nicht immer leicht, den Kindern die Freiheit zu lassen, den eigenen Weg zu gehen. Eltern haben oft Wünsche und Vorstellungen, was aus ihren Kindern werden soll und sind enttäuscht, wenn es anders kommt. Und es braucht Mut, entgegen den Wünschen der Familie seiner Berufung zu folgen. In Familien gibt es auch Konflikte, Enttäuschungen, Unverständnis und Verletzungen. Selbst in der Familie Jesu. Und dann entsteht Distanz auf beiden Seiten.
Auch an Jesus und seiner Familie zeigt sich das. Jesu Mutter und seine Geschwister bleiben draußen. Sie lassen Jesus rufen; sie gehen nicht selbst zu ihm und sprechen ihn persönlich an. Sie hören nicht, was er sagt und was seine Worte bewirken. Jesus teilt offenbar den inneren Abstand zu seiner Familie. Die enge Verwandtschaft bedeutet keine innere Nähe und Verbundenheit. Im Gegenteil: Jesus sagt, das hat nichts mit Verwandtschaft zu tun.
Fremde Menschen werden für ihn wie Mutter und Geschwister, wenn sie miteinander die Liebe zu Gott teilen und seinen Willen tun. In der Beziehung zu Jesus und zu Gott entstehen neue Bindungen. Jesus versteht Familie ganz weit. Familie und Verwandtschaft sind für ihn nicht dasselbe. Wichtiger als die Familie, aus der ich stamme, ist die Familie Gottes, in die ich aufgenommen werde, wo Gott als Vater von allen erfahren wird.
Die Zuschreibungen und Erwartungen meiner Herkunftsfamilie haben in der Familie Gottes keine Bedeutung. Ob ich das schwarze Schaf der Familie bin oder die Person, die alle zusammenhält – das spielt keine Rolle mehr.
Für Menschen, denen Familie alles bedeutet, mag das heißen: Vergiss nicht, es gibt außerhalb der Familie Menschen, für die du da sein sollst. Betrachte auch sie als deine Geschwister.
Und für Menschen, die belastende Erfahrungen mit Familie haben, könnten seine Worte sagen: In der Familie Gottes ist Platz für dich. Wer du bist, bestimmt nicht die Verwandtschaft, sondern Gottes Sicht auf dich. Und mögen Sie mal darüber nachdenken: Wem bin ich nah? Wer ist mir wie Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester außerhalb der eigenen Familie? Und warum ist das so?
Das Verhältnis von Jesus und seiner Familie hat sich offenbar im Laufe der Zeit verändert. Seine Mutter steht bei ihm unterm Kreuz und sein Bruder Jakobus gehört zur Jerusalemer Urgemeinde. Offenbar haben sie erkannt: Jesus ist nicht von Sinnen, sondern von Gott.