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Impuls

Klagen erlaubt

Impuls für den 11. Sonntag nach Trinitatis: Hiob 23,1-7.

Hiob 23,1-7

Hiob antwortete und sprach: Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. Ach, dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich.

Porträt von Iris Carina Kettinger
privat
Iris Carina Kettinger ist Klinikpfarrerin in Heidenheim.

Wo ist Gott in meinem Leiden? Diese Frage begegnet mir häufig, seit ich in der Klinikseelsorge arbeite. Sie wird gestellt von Menschen, die mit den Widrigkeiten in ihrem Leben nicht klarkommen. Wenn eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird, wenn die Ärztin dem Patienten eine chronische Einschränkung mitteilen muss, wenn es Abschied zu nehmen gilt von einem geliebten Menschen. Mit all diesen Grenzerfahrungen verändert sich auch das Umfeld. Freunde weichen zurück und machen sich rar, Bekannte sind ratlos und flüchten sich in Floskeln. Die Struktur des Arbeitsalltags trägt nicht mehr, wodurch es Betroffenen noch elender geht. Das sind die Momente, in denen sich die Klage Bahn bricht und die Frage nach Gott im Raum steht. Genauer nach dem Ort, wo denn nun Gott zu finden sei in dem Schlimmen, das da hereinbricht. In der Frage nach dem Ort Gottes in der Not verbirgt sich die Frage nach der Instanz, an die man sich wenden kann, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Es ist die Frage nach Gott selbst.

Hiob ist der Prototyp des Menschen, der die Frage nach Gott im Leiden stellt. Sein Name kommt aus der Umwelt des alten Israels und bedeutet möglicherweise: „Wo ist der Vater?“ Da ist sie wieder, die Frage nach dem Ort Gottes mitten im Leid. Bleibt die Frage unbeantwortet, findet der Leidende keine Vorstellung, wo er Gott finden kann, um ihm sein ganzes Leid zu klagen, verzweifelt er, wird gleichsam obdach- und heimatlos. Hiob ist mit seiner Geschichte deshalb so wichtig, weil er die unbequemen Fragen unseres Glaubens ausspricht. Die Frage nach dem Wo und nach dem Warum. Hiob ist sich keiner Schuld bewusst, die ein so hartes Schicksal verdient hätte: Verlust allen Vermögens, seiner Kinder, der Gesundheit und schließlich der Freunde. Freunde hat er schon, aber solche, die ihn noch tiefer in sein Unglück hineinstoßen.

Es gibt nur einen Weg zu Gott für Hiob: Die Klage. Indem Hiob sich nicht von Gott abwendet und verstummt, tritt Veränderung ein. Die Klage gibt sich nicht zufrieden mit dem Istzustand. In ihrem Protest und ihrem Nicht-Einverstanden-Sein hofft sie auf eine Vorwärtsbewegung. Indem Klagen ausdrücklich gestattet wird, tritt ein Perspektivenwechsel ein, noch lange bevor das Wunder geschieht. Hiob weiß nicht, wo er Gott findet, aber er ist in seinen Vorhaltungen und seinem Klagen überzeugt, dass Gott, wenn er ihn denn fände, nicht mit ihm rechten würde, sondern achthaben würde auf ihn. Schöner kann kaum gesagt werden, dass Gott da ist, mitten im Leid, mitten in den Prüfungen des Lebens, mitten in der Trauer.

Hiob ermutigt mich, die Kunst des Klagens, wie sie in der weisheitlichen Tradition der Klage-Psalmen überliefert ist, wiederzuentdecken und zu praktizieren. Auch wenn uns Gott fern erscheint, ist er der schlechthinnige Adressat unserer harten Klage: über unser eigenes Leid, über das Leid, das über die gekommen ist, die wir begleiten, über das Leid dieser friedlosen und zerrissenen Welt. Gott hält unsere Klagen nicht nur aus, sondern wandelt sie zur Erkenntnis, dass er auf uns achthat. Trotz allem!

Gebet

Gott, wo bist du? Ich klage dir meine körperlichen und seelischen Schmerzen, meine Angst vor Verlust von Sicherheit. Birg du mich bei dir und schenke mir ein Zeichen, dass du auf mich achtgibst. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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