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Impuls

Netze der Versöhnung

Impuls für Karfreitag, 3. April: 2. Korinther 5,19-21.

2. Korinther 5,19-21

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Stephanie Hecke
Foto: Tobias Bugala
Pfarrerin ­Stephanie ­Hecke ist ­theologische Referentin im Präsidialbüro der Diakonie Deutschland.

Wenn Beziehungen nicht mehr halten, merken wir es an kleinen Dingen: ein Gespräch, das abbricht, eine Verabredung, die nicht mehr gilt, Vertrautheit, die löchrig wird. Solche Risse sind es, auf die Paulus an Kar­freitag unseren Blick lenkt – nicht zuletzt in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen.

Das Bild vom Netz hilft zu verstehen, was Paulus meint: Nur wenn Seile und Knoten halten, trägt ein Netz. Jedes Seil hat einen inneren Kern, eine Art „Seele“, die dem gesamten Geflecht Halt und Form gibt. Paulus schreibt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.“ Im Bild des Netzes ist Christus dieser innere Halt, die Seele der Seile. Er verschweigt die Gefahr des Zerreißens der Knotenpunkte nicht, sondern trägt und verknüpft sie neu.

Versöhnung ist ein großes Wort. Inmitten einer Gesellschaft, in der Kommunikation zunehmend polarisiert wahrgenommen wird. In einer Welt, in der Hass und Hetze unverblümt regieren. Paulus aber hebt zuerst die Versöhnung der Welt mit Gott hervor, nicht vor­rangig die Versöhnung unter Menschen. Ein spannender Gedanke, erleben wir doch eine immer größer ­werdende Gleichgültigkeit der Gesellschaft dem Religiösen gegenüber. Müssen Menschen tatsächlich nicht untereinander, sondern zuerst mit Gott versöhnt werden?

Paulus deutet: Abkehr von Gott mündet in ein Leben für sich allein (etwa in 2. Korinther 5,15). Luther nannte dies „incurvatus in se ipsum“ – die Verkrümmung ins Selbst, die Gott und den Mitmenschen ausschließt. Wer davon befreit wird, kann den Mitmenschen neu sehen. Kann versöhnt leben, Knotenpunkte zu anderen Menschen neu aufnehmen.

Wo Maschen am Zerreißen sind, braucht es neue ­Knotenpunkte. In einer Zeit, in der Meinungen oft unversöhnlich aufeinanderprallen, braucht es Zeit, aufmerksam zu sein, zuzuhören, nicht sofort das Recht zu beanspruchen. Neue Knotenpunkte entstehen durch die Einladung, die wir mit Paulus weitergeben dürfen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Botschafter sind ­Vermittler. Sie legen keine Netze über andere, sondern reichen Fäden, mit denen Menschen ihre Maschen neu knüpfen können.

Karfreitag richtet unseren Blick auf das Kreuz als den Ort, an dem Gottes Knüpf-Werk wirksam wird: Aus dem Tod kann Neues wachsen. Darin liegt Trost: Wir sind nicht auf uns allein gestellt mit unseren Rissen. Gottes Hand hält das Netz, und er lädt uns ein, mit daran zu knüpfen.

Als Gemeinde können wir Orte schaffen, an denen ­Maschen des Lebens sichtbar und neu geknüpft werden: Gesprächsräume, Begleitung, Versöhnungsangebote, die Verletzungen ernst nehmen. Wir sind nicht Richter, sondern Hände der Versöhnung: Bereit zum Schritt ­aufeinander zu, geduldig im Wiederaufnehmen der ­Maschen und hoffend, dass nicht alles verloren ist.

So schließt sich das Netz: Wo Gottes „Seele“ wie im Inneren eines Netzes wirkt, wächst neues Geflecht. Am Karfreitag gedenken wir dessen, der das zerrissene Netz trägt, damit wir Mut finden, mit Händen und Herz Leben neu zu knüpfen.

Gebet

Gott, du hältst das zerrissene Netz. Lehre uns, Maschen neu zu knüpfen: im Hören, im Aufeinander zugehen, in der Vergebung. Mach uns zu Händen deiner Versöhnung. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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