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Impuls

So sollt ihr beten

Impuls zum Sonntag Rogate: Matthäus 6,5-15.

Matthäus 6,5–15

Darum sollt ihr so beten: Vater unser im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Matthias Fidel
Foto: privat
Der promovierte Theologe Matthias Figel ist Pfarrer der Auferstehungskirchengemeinde in Tuttlingen.

„Warum betest du eigentlich so selten frei im Gottesdienst“, wurde ich neulich gefragt. „Weil Beten im Gottesdienst in Sprache und Inhalt offen und verbindend sein sollte. Mein Gebet dreht sich schnell um mich, meine Sorgen, meine Bedürfnisse.“ So lautete meine Antwort. Wie bete ich? Wo bete ich? Wann bete ich? Wenn ich etwas von Gott will, mich eine Not drückt oder etwas meinen Wirkungsbereich übersteigt, dann bestürme ich Gott: „Bitte gib …“, „bitte hilf …“, „bitte beschütze …“.

„Ja, glaubt ihr denn, dass ihr so zu Gott beten sollt?“ Mit dieser provokanten Frage versuchte vor 35 Jahren in Jerusalem Professor Yeshayahou Leibowitz uns junge Theologiestudierende aus der Reserve zu locken: „Gott hat uns die Psalmen gegeben, damit wir wissen, was wir beten sollen – an unseren Herzensergüssen hat Gott nur wenig Interesse.“ In mir regte sich Widerspruch, war ich doch mit einer anderen Gebetspraxis aufgewachsen. Die zugespitzte Argumentation des jüdischen Philosophen hat mich seither nicht mehr losgelassen: Steckt in seiner Wertschätzung für eine geprägte Gebetssprache mehr Wahrheit als gedacht?

„So sollt ihr beten.“ Mit diesen Worten zeigt uns Jesus sein Gebet. Um uns gleich darauf das Vaterunser zu präsentieren – mit Bitten, auf die ich selbst niemals gekommen wäre. Bitten, die weder mich noch Gott einengen, sondern einen weiten Raum eröffnen. Bitten, die sich nicht zuerst um mich, sondern um Gottes Willen drehen. Bitten, in denen nicht ich etwas von Gott begehre, sondern Gott etwas von mir. Bitten, die Gott und sein Reich hineinbeten in unsere Welt und Wirklichkeit – „Reichsgebet“ nannte Johann Christoph Blumhardt das Vaterunser. Es ist eines der wenigen Gebete, bei denen ich den Eindruck habe: Das ist kein Monolog, sondern ein Dialog, eine austarierte Balance zwischen meinen und Gottes Herzensanliegen. Das eine geht ins andere über, vermischt sich, wird eins.

Noch eine weitere Bezeichnung hat Blumhardt für das Vaterunser geprägt: „Mustergebet“. Angesichts der überbordenden Fülle meiner persönlichen Anliegen nordet mich das Vaterunser heilsam ein: So sollt ihr beten: auf dass Gottes Reich Wirklichkeit werde und unsere gemeinsamen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Vergebung und Bewahrung gestillt sein mögen.

Seit Jahrhunderten wird das „Mustergebet“ in der Schule auswendig gelernt. Da kommen wildfremde Menschen etwa auf dem Friedhof zusammen oder unterschiedliche Glaubensgemeinschaften feiern ökumenisch Gottesdienst – und alle beten gemeinsam das Vaterunser, werden eins miteinander und mit Gottes Willen.

„Universalgebet“ ist die dritte Blumhardsche Formulierung für das Vaterunser. Es passt immer und überall, im Gottesdienst und im stillen Kämmerlein, im Klassenzimmer und in der Kirche, am Ende einer Sitzung und am Ende eines Lebens. Mehrfach habe ich bei der Sterbebegleitung beobachtet, dass Sterbende kaum mehr ansprechbar waren, beim Vaterunser jedoch plötzlich die Lippen bewegten oder gar noch einmal hörbar mitbeteten: „Dein Reich komme.“ Im Einschwingen auf Gottes Willen konnten beide loslassen – Angehörige und Sterbende.

Gebet

Bete in uns, Gott. Weite unseren Horizont, öffne unsere Hände und Herzen. Bring deine Anliegen in uns zur Sprache und lass daraus Taten entstehen. Auf dass dein Reich komme und dein Wille ­geschehe. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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